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Die zweiräderige Rakete, auf der Manfred da sitzt, ist eine «Confederate». Und dieses Ding ist weit mehr als nur ein Motorrad, nämlich ein Bekenntnis zur Rebellion gegen alles Austauschbare, für grösstmögliche Individualität und Ästhetik sowie für den kompromisslosen Qualitätsanspruch des «New American Industrial Design». Jeder, der sich in den Sattel eines dieser handgearbeiteten Geschosse schwingt, wird zum David, der gegen Goliath kämpft. Und Goliath, das ist in diesem Falle der Mainstream. Er hat übrigens auch noch eine Ducati Desmosedici. Die hat er kürzlich auf einer endlos schnur-geraden Strasse, dem Highway 33 ganz in der Nähe seines Hauses, auf 280 Kilometer pro Stunde geschraubt. Der Weg des Manfred Krankl, der sich irgendwann Ende der 70er Jahre aus der Enge der österreichischen Provinz mit ihrem kleinbürgerlichen Milieu ver-abschiedet hat, konnte nur an die amerikanische Westküste führen. In die alte Garage an der Ventura Avenue, in der er noch heute unbeobachtet und grenzenlos frei an seinen Weinen feilt. Es ist bestimmt nicht die schönste Strasse der Welt – sie wird es nie auf eine Postkarte schaffen. Doch mit ihren alten, austauschbaren Industriebauten, ihren Hinterhöfen und Parkplätzen atmen wir hier jene grosszügige Anonymität, in der Alchemisten wie Manfred ihr Ding am besten durchziehen können. Durch solche Strassen kurvte in den 60er Jahren be-stimmt auch der gute Jim Morrison von den «Doors», parkierte spät nachts seinen Chevrolet auf einsamen Parkplätzen, nahm ein paar verbotene Substanzen und fantasierte darüber, wie er den Göttern ihr Feuer stehlen könnte.
Manfred Krankl produziert nicht einfach Weine. Er erschafft sie sich im wahrsten Sinne des Wortes mit jedem Jahrgang neu. Im Jahr 2014, wenn er seinen 58. Geburtstag feiert, wird er auf eine einmalige Kollektion von 20 Wein-Jahrgängen zurückblicken können. Es wird eine Kollektion von Unikaten sein, wie sie die Weinwelt noch nie zuvor gesehen hat. Vielleicht wird er seine Syrahs in einer Reihe auf den Tisch stellen. Und sein gesammeltes Wein-Kunst-Schaffen betrachten. 20 individuelle Werke in und auf den Flaschen. Ist es marketingmässig nicht ganz und gar verrückt, einem Wein jedes Jahr einen neuen Namen und ein neues Label zu geben? Nein, ist es nicht. Schon eher genial! Kunsttheoretisch betrachtet dürfen wir von «Process Art» sprechen. Von einem künstlerischen Langzeit-Projekt. In den Flaschen finden wir, minutiös eingefangen, das Terroir der Central Coast und das Mikroklima des jeweiligen Jahrgangs. Und auf der Flasche erzählt uns Manfred eine persönliche Geschichte aus dem betreffenden Jahr. Eine Episode, die ihn und somit vielleicht auch die Schaffung des betreffenden Weins bewegte. «Queen of Spade», «The other Hand», «Imposter McCoy» oder «Just for the love of it» heissen die verschlüsselten Botschaften. Auch wenn wir als Aussenstehende nur über deren Bedeutung spekulieren können, so erkennen wir doch, wie intim die Beziehungen zwischen dem Winzer und seinen Werken sind. Es sind flüssige Poems.
Was die Stilistik seiner Weine anbelangt, wird Manfred Krankl oft als Inbegriff eines Spitzenwinzers aus der Neuen Weinwelt bezeichnet. Klar doch, es wäre ja auch unehrlich, an der Central Coast einen leichtgewichtigen Syrah im Stile eines Saint-Joseph zu keltern. Im Santa Barbara Valley reifen nun mal voll konzentrierte Weine. Wer also unbedingt den Vergleich mit Frankreich sucht, sollte beim Syrah eher den Hermitage heranziehen. Allerdings sind solche Vergleiche schon im Grundsatz eher blöd. Denn Krankls Weine sind – selbst im kalifornischen Massstab – Solitäre. Seine Syrahs sind zumeist Blends von Trauben aus verschiedenen Rebbergen – ausser seine länger im Fass liegenden Syrahs, die zu 100 Prozent aus seinem eigenen Weinberg Eleven Confessions stammen –, ergänzt nach klassischer Rhône-Methode mit etwas Viognier, was ihren Ausdruck akzentuiert. Er beginnt die Vinifikation mit einer fünf- bis sechstägigen Kalt-Mazeration, lässt dann aber bei der Gärung die Temperatur bis 36 Grad Celsius steigen. Der Ausbau erfolgt grösstenteils in neuem französischem Eichenholz, wobei er die Entwicklung jeder einzelnen Barrique mit Argusaugen überwacht. Manche Barriques schaffen es nicht bis zum Ende und werden aussortiert. «Eine schlechte Barrique verfolgt mich bis in meine Träume. Ich degustiere es immer wieder, auch wenn ich längst weiss, dass es hoffnungslos ist», sagt er.
Am Ende dieses Selektionsprozesses steht ein purpurschwarzes Elixier mit konzentrierter Cassis- und Brombeerfrucht, dazu Noten von Lakritze, Pfeffer, anderen Gewürzen und einem Anflug von Teer und Rauch. In ihrer jugendlichen Sturm- und Drangphase wird oft verkannt, wie viel Gerbstoff und wie viel saftige Säure in diesen Weinen steckt. Denn das Santa Barbara Valley ist eben kein typisches «Hot Climate»-Terroir. Viele Rebberge liegen zeitweise im Einflussgebiet der kühlen Pazifik-Luft. Wenn Manfred beispielsweise den legendären Bien Nacido Vineyard besucht, von dem er seit vielen Jahren ausgewählte Syrah-Trauben zukauft, nimmt er auch im Sommer immer seine Lederjacke mit. Im Wechselspiel mit warmen Luftmassen aus dem Landesinnern entstehen Weine mit einem erstaunlichen Entwicklungspotenzial. Mit dem Alter verändert sich ihre Aromenpalette. Noten von frisch gemähtem Sommergras, getrockneten Kräutern, Waldboden und Unterholz gesellen sich zur reifen Beerenfrucht. Und im Gaumen werden diese grossen Weine nicht mehr von Extraktsüsse und Würznoten dominiert, sondern von saftiger Säure und reifem Gerbstoff. Manch einer, der so einen gereiften Krankl-Wein im Glas hat, weiss plötzlich nicht mehr, wo die Alte Welt nun wirklich aufhört und die Neue Welt beginnt …
Ein kleiner Typ: Der 1998er «E-raised» bietet gegenwärtig höchsten Trinkgenuss.
Krankl lebt heute mit seiner Frau Elaine und den beiden jüngsten Kindern auf seiner 90-Hektar-Ranch beim idyllischen Lake Casitas, wo 1984 während der Olympischen Spiele von Los Angeles die Kanu- und Ruder-Wettbewerbe stattfanden. Unweit des Wohnhauses hat er einen Rebberg angelegt, den er «Cumulus» getauft hat. Klar, dass auch hinter diesem Namen wieder irgendwelche Geschichten aus Krankls Universum stecken. Es gibt nun mal Dinge im Leben dieses Winzers, die ihn grundsätzlich von allen anderen unterscheiden.