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Mittnacht Frères


Bio gibt dem Elsässer Riesling dynamik.

Besuchen sie das Weingut Mittnacht Frères, das heute von den beiden Cousins Christophe und Marc geführt wird, wenn möglich nicht an einem Freitagabend. Auch wenn die Stimmung in ihrem, für elsässische Verhältnisse geradezu modernen Verkostungsraum aus lokalem Kalkstein und viel Holz noch so gemütlich ist, um 19.45 Uhr ist hier definitiv Schluss. Denn um 20 Uhr beginnt die Probe der hiesigen Dorfkapelle. «Wenn man das Privileg hat, in einem beschaulichen 500-Einwohner-Dorf wie Hunawihr zu wohnen, muss man auch aktiv am Dorfleben teilnehmen», sagt Christophe Mittnacht. Und weil die Zahl der Musiker über die Jahre permanent abgenommen hat, dürfen die beiden klarinettspielenden Cousins nicht fehlen. Dass die Mitglieder der Mittnacht-Familie ähnlich «ticken», hat Tradition. Bei den Vätern von Christophe und Marc Mittnacht, welche die Domäne zuvor ebenfalls gemeinsam führten, gingen die Gemeinsamkeiten gar so weit, dass sie zwei Schwestern heirateten, die ebenfalls Mittnacht heissen. Der so entstandene Name «Mittnacht-Mittnacht» klingt so ungewöhnlich, dass man sich einfach mit ihm beschäftigen muss. Der 45-jährige Christophe Mittnacht, der sich heute im Betrieb neben der Rebarbeit vor allem um das Marketing kümmert, tut dies auf seine Weise. Der Liebhaber und Sammler von Fotokunst beauftragt jedes Jahr einen anderen Fotografen, den Begriff Mittnacht umzusetzen. So ist jede Flasche Wein von dieser Domäne auch eine Beschäftigung mit deren Namen. Auf den Etiketten des Jahrgangs 2009 sehen wir eine Hand, die sich anschickt, funkelnde Sterne vom Nachthimmel zu pflücken. 2007 war es ein ausgemergelter Heiliger, der gebannt ins nächtliche Schwarz über ihm starrte. Und 2008 begegnet uns ein «Freak», der mit Sonnenbrille und Vespa-Helm bekleidet ganz alleine in einem dunklen, nur von einer einfachen Pfunzel beleuchteten Raum sitzt und ein Glas Wein trinkt. «Bei unserem Namen werden uns die Fotothemen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wahrscheinlich nicht ausgehen», glaubt Christophe Mittnacht. Das ist durchaus eine realistische Einschätzung. Was der deutsche Name Mittnacht aber wirklich bedeutet, haben die beiden Cousins nie rausgefunden. Vielleicht weisen die drei Sterne und der Halbmond auf dem Familienwappen darauf hin, dass ihre Vorfahren Kreuzritter waren, die aus dem Nahen Osten ins Elsass zurückkamen.

Eine stille Revolution

Nirgends führt sich das Terroir so chaotisch auf wie im Elsass. Schiefer, Kalk, Granit, Lehm, Mergel, Sand und Vulkangestein mischen sich hier von Lage zu Lage immer wieder neu. Zwischen Bergheim und Riquewihr aber, wo die Mittnacht Fréres heute stolze 23 Hektaren Rebberge bewirtschaften, gibt es einen gemeinsamen Nenner: Lehm, vermischt mit Muschelkalk. «Dieser magnesiumhaltige Lehm verleiht unseren Weinen eine vornehme, eher etwas zurückhaltende Aromatik und einen kühlen Charme, der auf einer spannungsgeladenen Säurestruktur basiert.» Der famose Riesling aus der Grand-Cru-Lage Rosacker zeigt diese Charakteristik in geradezu exemplarischer Weise. Wie so manche Weine der Mittnacht Frères weist auch dieser Riesling eine moderate Restsüsse von rund acht Gramm auf, die aber von der prägnanten Säure nach deutschem Vorbild perfekt abgepuffert wird. Die Mittnachts haben sich schon 1999 der Bewegung des kontrolliert bio-dynamischen Anbaus nach den Methoden und Visionen des Anthroposophen Rudolf Steiner angeschlossen. Wer durch die malerischen elsässischen Dörfer fährt mit ihren gemütlichen Weinstuben und den stolzen Winzerhöfen, hat den Eindruck, dass hier die Zeit stehen geblieben ist. Von einem Aufbruch wie in Österreich, gut sichtbar an den futuristischen Keller-Neubauten, ist hier weit und breit nichts zu sehen. Aber das macht nichts. Die elsässischen Winzer wissen eben, dass es nie die auf plakative Weise sichtbaren Veränderungen sind, die den Weinbau wirklich voranbringen. Nachhaltiger Fortschritt geschieht meist im Stillen. Etwa im Rebberg. Und hier hat sich im Elsass schon beinahe Revolutionäres ereignet. Rund 10 Prozent der gesamten Rebfläche im Elsass werden heute schon kontrolliert biologisch bewirtschaftet. Ein Wert, den kaum einen andere Region erreicht. Und die Mittnachts sind Teil dieser Entwicklung.

Weine wissen, was sie wollen

Natürlich war der Name Mittnacht mit seinem klaren Verweis auf Mond und Sterne geradezu eine Aufforderung zum biologisch-dynamischen Anbau, der bei der Arbeit im Rebberg eben gezielt auf die Kräfte dieser Gestirne setzt. Längst haben die neuen Erkenntnisse über die sich selbst regelnden Kreisläufe auch die Weinbereitung bei Mittnacht Frères verändert. So arbeiten sie im Keller inzwischen fast ausschliesslich mit natürlichen Hefen. Dass die Weine oft nicht ganz durchgären und einige Gramm Restzucker stehen bleiben, stört sie nicht. «Die Weine finden selber zu ihrem individuellen Gleichgewicht», sagt Christophe Mittnacht. Ganz ähnlich halten sie es mit der malolaktischen Gärung. Sie unternehmen nichts, um den Säureabbau bei ihren Weissweinen einzuleiten, doch wenn ein Teil der Apfelsäure in mildere Milchsäure umgewandelt wird, haben sie auch nichts dagegen. Oft gewinnen ihre Crus dadurch an Komplexität. Tatsächlich haben die Weine der Mittnacht-Cousins nichts Plakatives und Extravertiertes an sich, sie überzeugen mit einer vornehmen Zurückhaltung, hinter der jede Menge Finesse und Charakter stecken. Ihr wahres Potenzial zeigen sie als Essensbegleiter.

Der biodynamische Anbau hatte zumindest für Christophe Mittnacht auch zwischenmenschliche Konsequenzen. Schon 1999, im ersten Jahr nach der Umstellung, bekamen sie zur Erntezeit nämlich Besuch von einer japanischen Spitzenköchin aus Tokio, die sich auf einer zweijährigen Frankreich-Bildungsreise befand, um die Herstellung verschiedenster, biologisch hergestellter Terroir-Produkte kennenzulernen. Bald darauf heirateten die beiden und haben heute zwei Kinder. In ihrem neuen Wohnhaus, das sich noch im Bau befindet, wollen sie demnächst – nach dem Prinzip des Table d’hôte – ein kleines Restaurant eröffnen, das japanische Küchenkunst mit den Mittnacht-Weinen vereint. Keine Frage: Wir dürfen uns auf transkontinentale Mariagen auf höchstem Niveau freuen!

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