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«The Baron with dirt under his fingernails», schreiben sie in den USA über ihn, und geben damit ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, dass es in Italien tatsächlich auch Barone zu geben scheint, die arbeiten. Seine Freunde nennen ihn dagegen respektvoll «den Professor». Tatsächlich weiss er über ungewöhnlich viele Dinge ungewöhnlich gut Bescheid. Mit dem Wesen seiner Wetterstation etwa ist er bis ins Innenleben des Schalensternanemometers (Windmesser) vertraut. Und einem Berufskollegen hat er auf einer gemeinsamen Autofahrt kürzlich die Vor- und Nachteile aller aktuellen und auch älteren Typen von VW-Kastenwagen so kompetent dargelegt, dass dieser nun ganz genau weiss, welches Modell sein nächster Firmenwagen werden wird. Baron Andreas Widmann ist ein sehr strukturiert denkender und handelnder Mensch. Das wirkt sich auch auf seine Weine aus, und dies in äusserst positiver Weise wohlverstanden.
Seit Mitte der 90er-Jahre keltert der 52-jährige Winzer einen der faszinierendsten und hochkarätigsten Rotweine des Südtirols. Es ist der «Auhof», eine minuziös komponierte und am traditionellen Bordeauxmischsatz orientierte Cuvée aus Cabernet Sauvignon, ergänzt durch Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot. Und angenommen, Baron Widmann hätte, obwohl die Sorte im Südtirol natürlich – wie jeder Winzer weiss – nicht zugelassen ist, zufällig ein paar Syrah-Stöcke, würde er die Zusammensetzung seines Topweins mit einer winzigen Menge dieser Sorte komplettieren … Die Trauben für den «Auhof» reifen im gleichnamigen Rebgut in Kurtatsch, im südlichsten Zipfel des Südtirols. Im nach Südosten ausgerichteten Steilhang, der von 220 bis 330 Meter über Meer ansteigt, wurzeln die Reben in Kalkschotter auf einem Sockel aus Dolomit-Urgestein. Das von warmen Luftmassen aus dem Süden geprägte Klima ist schon mediterran. Der beste Beweis dafür sind die Oleanderbüsche und Olivenbäume, die im Auhof neben dem Rebberg gedeihen. Trotz dieser privilegierten Lage füllt Widmann seinen roten Premier Cru nur in sehr guten Jahren ab. Das war bisher erst fünfmal, nämlich 1997, 2000, 2002, 2003 und 2007 der Fall.
Gerade der perfekt gelungene 2007er «Auhof» zeigt, auf welch bemerkenswerte Weise sich das Südtiroler Unterland zu einem erstklassigen Cabernet-Terroir entwickelt hat. Die ersten, in den 80er-Jahren angelegten, Cabernet-Rebberge im Guyot-Drahtzug brachten noch in den 90er-Jahren eher grünlich-herbe Weine mit ausgeprägten Paprikanoten hervor. Solche Anzeichen der Unreife sind im «Auhof» nicht auszumachen. Der 2007er fasziniert mit einer noch vornehmzurückhaltenden, aber komplexen Aromatik mit roten und dunklen Beeren, dazu kommen edelgrüne, frisch wirkende Noten wie Pfeffer, Minze, getrocknete Blumen und waldiges Unterholz. Im Gaumen zeigt sich dieser Top-Cru vielschichtig strukturiert, mit feinkörnigem, präsentem Gerbstoff und einer saftigen Säure. Keine Frage, hier hat ein adliger Winzer ein aristokratisches Gewächs geschaffen. Nur: Wie ist dieses Südtiroler Cabernet-Wunder möglich geworden? «Ältere Reben, kleinere Erträge und wärmere, aber glücklicherweise nicht zu warme Temperaturen in Folge der Klimaerwärmung», sagt der Baron. Tatsächlich wirkt der «Auhof» reif, aber keineswegs überreif. Marmeladige Noten sind nicht auszumachen. Es ist höchst interessant, diesen Südtiroler Musterknaben mit einem hochkarätigen Bordeaux, etwa aus dem Spitzen-jahr 2005, zu vergleichen. Sogar die Pauillac-Crus dieses Jahrgangs zeigen sich ausserordentlich beerenfruchtbeladen und üppig. Ein char-manter Hauch von Neuer Welt bezirzt diese neuzeitlichen Médoc-Crus. Mit seiner kernig-frischen Art entspricht da der «Auhof» eigentlich viel eher dem klassischen Bordeaux-Typ. Übrigens: In den Jahren, wo Andreas Widmann keinen «Auhof» keltert, kommen die entsprechenden Trauben in seine Cuvée «Rot». Auch diese Bordeaux-Assemblage ist ein Topgewächs und in Bezug auf das Verhältnis zwischen Qualität und Preis geradezu ein Schnäppchen.
Auch die Weissweine, allen voran der opulente, rosenblätterduftige Gewürztraminer und der frischfruchtige Sauvignon, der in der Lage Sulzhof auf 600 Meter über Meer reift, gelingen dem Baron vorzüglich. Andreas Widmann ist einer der wenigen Winzer im Südtirol, der sich von den hier immer noch reichlich stur gehandhabten Rebsortenbestimmungen nicht beeindrucken lässt. So hat er im Auhof schon vor Jahren die hochkarätige, aus Südwestfrankreich (Jurançon) stammende, Sorte Petit Manseng angepflanzt. Diese vergärt er dann zusammen mit dem Chardonnay für seine Cuvée «Weiss» und nimmt dafür gerne in Kauf, dass dieses Gewächs nicht als AOC-, sondern «nur» als IGT-Wein vermarktet werden kann. «Die Petit-Manseng-Traube entwickelt in den warmen Lagen von Kurtatsch nicht nur viel Charakter, sondern auch eine lebendige, ja vibrierende Säure», schwärmt Widmann. 2006 hat er darum einen Teil der Petit-Manseng-Trauben auf der Maische vergoren und separat abgefüllt. Entstanden ist ein ungemein gehaltvoller Cru, der zeigt, dass die Südtiroler Winzer in Bezug auf ihre Sortenwahl noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben.
Die Entwicklung im Anwesen der Familie Widmann widerspiegelt exemplarisch die Umwälzungen in Landwirtschaft und Weinbau im Südtirol. Noch im 19. Jahrhundert wurde im Auhof nicht nur fast ausschliesslich Vernatsch angebaut, sondern auch eine Seidenraupenzucht betrieben. Der Vater von Andreas Widmann spezialisierte den Betrieb auf Weinbau, verkaufte die Trauben aber mehrheitlich der Genossenschaftskellerei in Girlan. Erst Andreas Widmann formte den Landwirtschaftsbetrieb zum klassischen Weingut, das seine Ernte selber vinifiziert und vermarktet. Und doch hat er das uralte Prinzip der Mischwirtschaft nie aufgegeben. In den für den Weinbau nicht geeigneten Flächen in der Talebene unterhält er darum Apfel-Kulturen, die bei entsprechender Nachfrage betriebswirtschaftlich lukrativer sind als der Weinbau. Zudem werden aus Wein, aber auch aus Früchten wie Pfirsich, Marillen und Zwetschgen hochwertige Essigspezialitäten produziert, die eine wachsende Anhängerschaft finden. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Gut weiterentwickelt. Mit dem 18-jährigen Hans Peter Widmann, der gegenwärtig Landwirtschaft studiert, steht jedenfalls schon die nächste Generation bereit, um neue Akzente zu setzen.