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Roero im Winter, Anfang der 90er-Jahre. Wir sehen den jungen Matteo Correggia, wie er mit seinen Winzerkollegen im Keller wieder Jungweine degustiert, kritisch, vor allem aber beseelt vom Gedanken, mit jedem Jahrgang wieder ein Stück vorwärts zu kommen. Wir hören ihn darüber sprechen, dass die Hierarchie im Piemont nicht gottgegeben sei, nicht für ewig in Stein gemeisselt, nicht dort das grosse Barolo und hier das kleine, unscheinbare Roero, wo Weinbau höchstens als Teil der alten Mischwirtschaft eine Berechtigung habe und man hier erst in die Reben gehen dürfe, wenn die Kuh im Stall gemolken sei. «Nein, nein, nein», sagt Matteo, auch hier in Canale könnten sie – wenn sie denn nur daran glauben wollen – grosse, wenn auch andere Crus hervorbringen. Vielleicht Crus mit weniger Kraft, dafür mit mehr Finesse. Und wir sehen seine Winzerkollegen zuerst ungläubig, doch dann zusehends angesteckt von seinem Elan, diesem Virus der Begeisterung, vom Glauben, grosse Roero-Weine schaffen zu können, die nicht einfach getrunken werden, sondern tief in der Erinnerung der Weinliebhaber haften bleiben. Matteo, der Mann mit den sanften Gesichtszügen und den so lebendig funkelnden Augen hat es ihnen vorgemacht und sie haben Matteo Correggia in seinem Barrique-Keller. – um es im Fussballjargon auszudrücken – sein Zuspiel angenommen und den Ball weiter nach vorne gespielt. Oder wir sehen Matteo Correggia bei seinem väterlichen Freund, dem Koch und Ernährungs-Ethnologen Renato Dominici im 30 Kilometer entfernten Carmagnola. Wir sehen sie zusammen im Salon sitzen. Renato erzählt wie immer von neuen historischen Rezeptfunden in Turiner Bibliotheken, während draussen in der Küche nach mittelalterlicher Rezeptur die «Finanziera » köchelt, das legendäre Ragout aus Kalbsbries, Kalbs- hirn, Hahnenkämmen und Hahnennieren. Zuerst aber serviert Renato seinem Winzerfreund ein wunderbares Artischocken- Gericht, zu dem aber leider kein Wein aus der riesigen Karte des Ristorante La Carmagnole so richtig zu harmonieren scheint. Matteo sagt nichts, aber ein Jahr später wird es einen neuen, passenden Wein zu diesem Gericht geben, nämlich den «Anthos», einen reinsortigen, trocken ausgebauten Brachetto. Noch eine letzte Rückblende ins Jahr 2000: Wir sehen Matteo mit seinen noch kleinen Kindern Giovanni und Brigitta lachend im Rebberg, sie essen zusammen reife Trauben und geben auch dem Hund was ab. Und der lacht auch. Dann 2001 der Unfall beim Mähen. Noch heute unfassbar, unbeschreibbar, einfach unmöglich. Für einen Moment lang steht die Zeit still in Canale. Die Bilder verschwimmen, jedes Geräusch scheint unendlich fern, ein Gefühl, wie wenn der Kopf ständig unter Wasser ist, doch jeder Schritt bleischwer ...
Freunde helfen. Giorgio Rivetti etwa, der Freund und Winzerkollege von La Spinetta, ist sofort als Berater zur Stelle. Und Luca Rostagno, der treue Mitarbeiter von Matteo, hatte dessen Philosophie eh schon so verinnerlicht, als seis seine eigene. Eine grosse, spontane Solidarität trägt dieses aussergewöhnliche Weingut in den nächsten Jahren auf ganz natürliche Weise weiter. Im Zentrum steht jetzt Ornella Costa, die Witwe. Sie, die zuvor vor allem Mutter und Hausfrau war und im Weingut eher eine diskrete Rolle gespielt hat, nimmt ihre neue Rolle sofort an und führt die Familiendomäne ganz im Sinne ihres Gatten weiter. Mit vereinten Kräften gelingt es, von den 20 Hektar umfassenden Rebbergen mit sandig-lehmigem Terroir auch weiterhin ausserordentlich präzise, elegante Weine zu keltern. So gelten die Crus vom Weingut Matteo Correggia in Roero heute genauso wie damals als «State of the Art». Nicht nur aus den Paradesorten Nebbiolo und Barbera, sondern auch aus Arneis und Brachetto entsteht mit jedem Jahrgang Aussergewöhnliches. Seit 2006 bringen zwei externe Berater, der Agronom Gian Piero Romana und der Önologe Gianfranco Cordero, zusätzlich frischen Wind ins Team. Auch die beiden Kinder, Giovanni, ein zukünftiger Önologe, und Brigitta, eine begeisterte Kräutersammlerin, sind mit dem Terroir längst so verbunden, wie es ihr Vater sein viel zu kurzes Leben lang war. Der wird, wenn er von weit oben die Geschehnisse im heimischen Canale beobachtet, mehr als zufrieden sein. Nur schade, dass er da oben nicht degustieren kann, etwa den «Marun» 2005, der Inbegriff eines ausgewogenen Barbera d’Alba auf höchstem Niveau. Oder den überaus noblen, komplexen Roero Superiore Ròche d’Ampsej 2004, ein reinsortiger Nebbiolo. Beides sind Gewächse, welche die unseligen Diskussionen über Stilfragen wie «modern» oder «traditionell» schnell verstummen lassen, schlicht und einfach deshalb, weil sie zur übergeordneten Kategeorie der grossen Weine gehören. Ja, was Matteo, der gute Mann von Canale, zwischen 1985 und 2001 mit viel Wissen und noch mehr Intuition gesät hat, ist auf wundersame Weise aufgegangen. Seine Familie ist sicher, dass er das weiss. Denn die Verbindung zwischen Matteo und seinem Terroir besteht auch in den Sternen fort. «Roero» ist der Name des Asteroiden Nr. 8075, der im Jahr 1985 vom Amerikaner Edward Bowell entdeckt worden ist. Es ist ein kleiner, felsiger Gesteinskörper mit 15 km Durchmesser und einer Umlaufbahn, die einem anderen Asteroiden ähnlich ist. Es ist der Asteroid 13 917, der den Namen «Correggia» trägt. So sind das Roero und Matteo Correggia am Firmament «als leuchtende Sterne» vereint … … vielleicht nicht für ewig, aber für ein paar Tausend noch kommende Jahre ganz bestimmt.