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Ein «Wine & Dine» mit fein herausgeputzter Gesellschaft, irgendwo nördlich der Alpen. Der kräftige Mann mit dem schon hell gewordenen Haar, der jetzt aufgefordert wird, seinen Wein kurz zu präsentieren, steht auf und stellt sich kurz und bündig mit den Worten vor: «I bii der Gojer Fronz.» Das sind nur fünf Worte und doch wissen wir schon alles. Denn jede Silbe ist eine Schaufel voll Bodenständigkeit, Bescheidenheit, vor allem aber Verwurzelung. Kein Wunder, wenn man in St. Magdalena wohnt, diesem besonders gesegneten Hügel im generell schon gesegneten Südtirol. Gletscher haben den kleinen Moränenschutthügel vor vielen tausend Jahren geformt. Er liegt nur einen Steinwurf vom Bozener Stadtzentrum entfernt und ist doch eine ganz eigene, beschauliche, in sich ruhende Welt mit braven Winzerhöfen, zu denen Strässchen führen, die so schmal sind, dass man die Rückspiegel sicherheitshalber vorher einklappt. Und mitten drin, in dieser kleinen heilen Welt steht, aus purem nacktem Stein, das Kirchlein der Heiligen Maria Magdalena, der Patronin der Winzer, mit seinen romanischen Fresken. Wenn hier alljährlich am 22. Juli Kirchtag gefeiert wird, gibts Vernatsch vom neuen Jahrgang. Ob die Leute wohl jeweils wegen des lieben Gottes oder des Vernatsch so beschwingt und froh heimspazieren?
Ja, ja, der Vernatsch. Seit Jahren künden die Weinjournalisten nun schon jene neue Epoche an, in der sich die Weinfreaks endgültig von den alkoholgeschwängerten Rotwein-Dickschiffen lossagen und zurückfinden zu den bekömmlichen, gut trinkbaren Charakter-Weinen. Weinen wie dem Beaujolais, dem Valpolicella und ganz besonders dem St. Magdalener. Doch die Realität ist eine andere. Die Kategorie der leichten Trinkweine hat es noch immer schwer, auch, weil sich nicht alle diese Weine auch tatsächlich so leicht trinken lassen wie angenommen. Denn da ist im Gaumen oft ein Anflug von Bitterkeit, der den Trinkfluss hemmt. Einen perfekten Trinkwein zu keltern, der leicht wirkt und trotzdem Charakter hat, ist ein ähnlich anspruchsvolles Unterfangen wie die Quadratur des Kreises. Nur ganz wenige wissen, wie das geht. Gojer Franz ist einer von ihnen. Sein St. Magdalener Rondell ist gewissermassen der Prototyp eines grossen Weines aus einer «leichten Sorte». Herbert Hintner, der begnadete Koch von der «Rose» in Eppan kann das bestätigen. «Wir haben den Rondell seit langem auf der Karte. Wenn die Leute als Vorspeise unseren Salat aus hauchdünn geschnittenem Speck und ebenso dünnen Knödelscheiben geniessen, bestellen sie dazu oft einen Rondell. Und bleiben nicht selten für den Rest des Menüs bei diesem Wein.»
Was die Klasse dieses Weines ausmacht, ist Terroir und Tradition pur. Dass die Kuppe des Glögglhügels in St. Magdalena ein echter «Südtiroler Grand Cru» ist, wird niemand bestreiten. Genauso wichtig ist aber: In den alten, mächtigen, vor allem aber minuziös gepflegten Pergel-Anlagen von Gojer Franz wächst nicht nur der wegen seines Ertragsreichtums berüchtigte Grossvernatsch, sondern auch qualitativ bessere Klone wie Mitter- und Tschaggele-Vernatsch. Dazu gesellen sich Lagrein-Stöcke, dessen Trauben dem Wein etwas mehr Fülle verleihen. Alle Trauben aus dieser Varietäten-Vielfalt werden zusammen geerntet und im Stahltank vergoren. Danach reift der «Rondell» im grossen Holzfass. Das Resultat ist ein Gewächs von enormer Subtilität und Finesse. Für den Südtiroler Vernatsch haben Weine wie der Rondell einen ähnlichen Stellenwert wie der Romanée-Conti für den Pinot Noir des Burgunds. Hier wie dort geniessen wir mit jedem Schluck die Leichtigkeit des Seins. Es gibt nur einen Unterschied: Mit dem Vernatsch kostet das Glück im Südtirol zwanzig Mal weniger als mit dem Pinot im Burgund.