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Der Globetrotter aus der Pfalz.

Bernd Philippi ist heute nur limitiert einsatzfähig. Vor 48 Stunden kam er aus den USA zurück, wo er einige Investoren im Privat-Jet bei einer kleinen «Golf & Wein»-Reise begleitet hat. Und gestern, was bei ihm heisst, bis tief in den heutigen Morgen hinein, war der «Fanclub» da. Und «Fanclub» bedeutet Margaux 82 trinken, Romanée-Conti 85 trinken, Pétrus 89 trinken, und so weiter und so fort. Und zum Abschluss noch ein paar Koehler-Ruprecht Spätlesen trocken, als Reparaturwein, versteht sich.

Der Mann hat ein strenges Leben. Mit 58 Jahren trinkt er noch genauso viel wie als 30-Jähriger. Nur schläft er viel weniger als damals. Und reist viel mehr. 100 Flüge pro Jahr könnens schon werden. Und wenn er mal abends zu Hause ist, steigt er in den Privatkeller. Da liegen noch 200 Burgunder von Henry Jayer, von denen will er keine einzige Flasche jemandem vererben. Wenn der Mann erst mal zu erzählen beginnt, fühlt man sich nach zehn Minuten wie der grösste Langweiler der Welt. Philippi ist ein rastloser Matrose, nur sind Schiffe für ihn zu langsam, er reist in der Luft und seine Häfen sind die Weinregionen dieser Erde.

Und wie ist das mit den Frauen, die in jedem Hafen auf den Matrosen warten? «No comment», sagt Philippi und vertrös- tet uns auf die Biografie, die er noch dieses Jahr mit Unterstützung eines Journalisten schreiben will. Da stehe dann alles drin. «Aber ich muss aufpassen», gesteht er, «sonst sind schwupps die ersten tausend Seiten voll!» Zwanzig Jahre lang, von 1980 bis 2000, hat er als Berater der zuständigen Behörden den Weinbau auf Madeira modernisiert, und abends in Funchal auf irgendeiner Terrasse mit Blick aufs Meer an einem 1795er Barbeito genippt. In China hatte er schon in den 80er Jahren ein Projekt. Alles lief fantastisch, er hätte sogar die Tochter eines kommunistischen Ministers heiraten sollen, doch dann geschah das Massaker auf dem Tiananmen-Platz. Fünf Ernten macht er heute pro Jahr. Der Reigen beginnt in Südafrika im Frühling, dann kommen Südfrankreich und Mallorca. Und am Schluss noch, sozusagen zur Kür, seine beiden eigenen Weingüter, die Quinta da Carvalhosa im Dourotal in Portugal und Koehler-Ruprecht in der Pfalz.

Jetzt liegt eine Anfrage aus dem Königreich Bhutan vor, wo er in 2000 Meter Höhe Wein machen soll. Und seit ihm 2008 – es war während der Fussball-WM in Deutschland – ein griechischer Taxifahrer in Berlin, den er anfänglich für einen Türken hielt, von uralten Malvasia-Rebbergen auf Kreta erzählt hat, träumt er nachts davon, dort Weine zu machen wie in der minoischen Zeit, 3000 vor Christus. Ja, alles wäre perfekt im Leben des Bernd Philippi, wenn nur nicht der Bernhard Breuer, sein Freund und Spitzenwinzer aus dem Rheingau, so früh, mit nur 57 Jahren, gestorben wäre. Noch heute, sechs Jahre später, ist dieses Ereignis für Philippi nicht zu fassen. «Wie vom Blitz getroffen, ein einziger Schlaganfall, und mitten im Leben bist du einfach tot. Ohne Bernhard macht einfach alles eine Spur weniger Spass», sagt Philippi. Sie waren die drei Musketiere der deutschen Weinszene, der Bernhard Breuer, der Werner Näkel von der Ahr und er. Drei Winzer, die irgendwann in ihrem Leben den Beschluss fassten, eineiige Drillinge zu werden. «Und der Bernhard, der hat doch am gesündesten von allen dreien gelebt, ist Marathon gelaufen. Ich würde schon nach fünf Kilometern umkippen», sagt Phlilippi. Mit dem Werner Näkel besitzt er heute die Quinta im Dourotal. Die Ernte 2009 haben sie wie immer zusammen gemacht. Als die letzten Weine vergoren im Tank lagen, haben sie im Wohnhaus die Fenster weit aufgemacht, die Hi-Fi-Anlage angedreht und «Tannhäuser» von Richard Wagner aufgelegt. «So sassen wir also draussen, haben auf den Douro geschaut und über alles, wirklich alles, geredet.» Drei Stunden und fünf leere Riesling-Flaschen später, beschlossen sie einstimmig: «Es geht weiter!»

Natürlich ist der Riesling für ihn der beste Wein der Welt. Weil man von einer trockenen Spätlese problemlos alleine drei Flaschen trinken kann. Aber nicht nur deswegen. Wir sitzen nun im Büro seines Weingutes Koehler-Ruprecht in Kallstadt, der Heimat des Pfälzer Saumagens. Neben uns der geschnitzte, alte Schrank, gegenüber die Standuhr, an der Wand historische Stiche. Zinnkrüge stehen irgendwo rum. Ein Hauch von urdeutscher Jägerstuben-Gemütlichkeit streift unser Herz. Und vor uns auf dem Tisch stehen viele, viele Riesling-Flaschen. In diesem Zimmer wirkt der Bernd Philippi so geerdet, als sei er nie im Leben aus Kallstadt rausgekommen. Aber das ist nicht das Thema. Das Thema ist der Riesling. Ein paar Kabinette und Spätlesen, alle saftig, geradlinig knochentrocken und doch mit Schmelz, haben wir schon gemeistert. Jetzt stossen wir in die «R»-Klasse vor. Das sind Riesling- Selektionen, die jahrelang im Keller reifen. So kommt etwa die «Spätlese R» erst nach vier Jahren auf den Markt, und auf die «Auslese RR» muss man gar sieben Jahre warten. Aber man sollte am besten gar nicht anfangen zu warten, denn die Weine sind eh alle ausverkauft. Es sind schwierige Weine. In ihrer Jugend unnahbar, spröde, mit brotigen Aromen. Doch nach fünf, sechs, sieben oder zehn Jahren sind sie plötzlich voll da. Experimente macht der Bernd Philippi anderswo auf der Welt. Seine Rieslinge aber sind Ur-Weine. Aromahefen, Ganztraubenpressung und der ganze Quatsch haben in seinem Keller in Kallstadt nichts zu suchen. «Um einen richtigen Riesling zu machen, braucht es einen guten Keller und ein altes Stückfass», sagt er. Und es ist schon ein bisschen so: Wenn man mal bei Philippi war, kommen einem so manche andere Pfälzer Rieslinge mit ihrer geschliffenen Limonen- Primärfrucht und ihrer Knackpo-Frische plötzlich etwas langweilig vor.

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