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Schweiz Neuenburg


Der kompromisslose Pinot-Maniak.

Es gibt nicht wenige Pinot-Noir-Winzer, die sprechen ständig vom Burgund und bringen mit ihren eichenholzwürzigen Vollfruchtdampfern das pure Gegenteil in die Flaschen … Wenn der 46-jährige Neuenburger Jacques Tatasciore vom Burgund spricht, dann meint er auch Burgund, und das bis in alle vorstellbaren Tiefen dieses vielleicht faszinierendsten Wein-Mythos unserer Tage. Kein anderer Schweizer Winzer hat das burgundische Lagen-Denken so konsequent für sich adaptiert wie er. So produziert er in exzellenten Jahren wie 2007 bis zu sechs verschiedene Pinots. Neben seiner «Cuvée 160» gibt es von diesem Jahrgang auch eine «Cuvée Vieilles Vignes», eine experimentelle Füllung mit nicht entrappten Pinot-Trauben und dann natürlich seine drei «Grand Crus» aus den Lagen «Chanez», «Les Margiles» und «Les Rissieux». Die Bezeichnung «Grand Cru» ist hier übrigens ganz bewusst gewählt, denn diese Lagenweine von Tatasciore brauchen sich vor den besten Burgundern nun wirklich nicht zu verstecken, sie erinnern auf frappante Weise an manche Spitzengewächse der Côte de Nuits, etwa an die eher kernigen Crus aus Morey-Saint-Denis.

Fünf Hektar, acht Parzellen, eine Sorte

Jacques Tatasciore erwartet uns schon. «Wenn sie euch am Militär-Checkpoint an der Sprachgrenze zwischen Bieler- und Neuenburgersee durchlassen, seht ihr meinen Wagen am Strassenrand», sagt er. Das ist einer dieser zynisch-trockenen Sprüche, von denen wir noch einige hören werden. Tatasciore fährt übrigens einen schwarzen Audi RS2. Das Ding ist zwar schon 16 Jahre alt, doch unter Insidern geniesst diese Mischung aus Sportwagen und Kombi, die Audi damals zusammen mit Porsche entwickelt hatte, noch heute Kultstatus. Natürlich sagt diese Autowahl auch etwas über den Charakter des Winzers aus. Auf leicht erkennbare Statussymbole legt Tatasciore keinerlei Wert, denn wahre Qualität zeigt sich für ihn immer im Detail und ist gewissermassen ein Code, den nur Eingeweihte erkennen. Das ist beim Auto nicht viel anders als beim Wein. Wir fahren im nahen Winzerdorf Cressier eine schmale, steile Flurstrasse in die Rebberge hoch und dann liegt sie vor uns: Die Pinot-Noir-Welt des Jacques Tatasciore. Sie beginnt am südwestlichen Ende des Bielersees in Le Landeron, deren Reben aber weinbaupolitisch schon zu Neuenburg gehören, und zieht sich über Cressier bis nach Saint-Blaise am nordöstlichen Ende des Neuenburgersees. Der Jurahang zwischen den beiden Seen erinnert von seiner geografischen Ausrichtung und seiner Topografie her durchaus an die Côte de Nuits. Und wie dort finden wir auch hier kalkhaltige, relativ arme Lehmböden mit wenig organischem Material. Tatasciore bewirtschaftet in den drei Gemeinden insgesamt fünf Hektaren, aufgeteilt in acht minuziös ausgesuchte Parzellen mit vielen alten, bis zu 70-jährigen Pinot-Stöcken. Sie werden nicht im Drahtzug, sondern im klassischen Gobelet-System (ergänzt mit einem Stickel pro Stock) erzogen. Die Pflanzdichte ist mit rund 10 000 Stöcken pro Hektar so hoch wie früher auch in den Toplagen des Burgunds.

Hüter unseres genetischen Erbes

Tatasciore investiert sowohl seine ganze Kraft als auch seine Ressourcen in die Rebberge. In minuziöser Kleinarbeit hat er nach dem Prinzip der «Sélection massale» die besten seiner alten Reben vermehrt, indem er Triebe von ihnen geschnitten und mit diesen seine anderen Reben umgepfropft hat. Zehntausende seiner Reben hat er auf diese Weise in den letzten Jahren veredelt. Ob sich dieses immens aufwendige Projekt betriebswirtschaftlich jemals rechnet, ist fraglich. Aber die klassische Betriebskalkulation, die er durchaus beherrscht, interessiert den Winzer Tatasciore in seinen Rebbergen ohnehin nicht. Entscheidend ist für ihn, alles Denkbare unternommen zu haben, um den bestmöglichen Pinot in die Flasche zu bringen. Und nebenbei hat er durch die Vermehrung jener alten Stöcke, die im Terroir zwischen den Seen die besten Trauben hervorbringen, ein «Regional-Kulturerbe» geschaffen, das den Geniessern sinnvoller erscheinen müsste, als die auf touristische Vermarktung ausgerichteten Weltkulturerben. «Wir sprechen von unserem individuellen genetischen Erbe», sagt er und ergänzt: «Dieses verschwindet in den Weinbergen genauso wie auf den Weiden.» Es ist doch traurig, dass sich heute von der Schweiz bis nach Australien die gleichen Kühe auf den Weiden tummeln. «Warum sollte man heutzutage in der Normandie einen Camembert aus der Milch von holländischen Holstein-Kühen machen, die englisches Raigrass gefressen hätten?», fragt sich Jacques Tatasciore und kann sich gut vorstellen, irgendwann mal einen Bauernhof zu gründen. Das Mora-Romagnola-Schwein aus der Emiglia Romagna und das Cochon gascon aus dem Südwesten Frankreichs – beides dunkelhäutige Schweinerassen – hat er dabei zum Aufbau einer Zucht ins Auge gefasst.

Einen ganzen Jahrgang deklassiert

Es ist schon erstaunlich, wie konsequent sich der Quer-Einsteiger Tatasciore der Terroir-Philosophie verschrieben hat, denn seine Karriere verlief zuerst in ganz eine andere Richtung. Aufgewachsen ist er in einer Familie, die in Neuenburg drei Industriebetriebe geführt hat. Nach dem Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften arbeitete er lange Zeit in vollkommen anderen Bereichen, bis er sich schliesslich mit Haut und Haaren dem Weinbau verschrieb.1999, im Alter von 34 Jahren, verlegte er seinen Arbeitsort vom Büro in den Rebberg. Tatasciore kaufte zu jener Zeit nicht nur ausgewählte alte Rebparzellen, sondern gleich auch noch ein ganzes Weingut mit einer Anbaufläche von 11 Hektaren. Doch er merkte schnell, dass er nicht Weinbauunternehmer werden wollte, sondern Vollblutwinzer nach burgundischem Vorbild. So verkaufte er 2005 das Weingut wieder und konzentrierte sich fortan ganz auf die Bewirtschaftung seiner acht ausgewählten Parzellen. Wie kompromisslos er hier Qualität sucht, zeigt sich bei der Ernte, die er nur mit gut instruierten Freunden und Bekannten absolviert. Mit bis zu acht Kollegen streift er immer und immer wieder durch die Reben und lässt jede einzelne Traube so lange hängen, bis sie optimal reif ist. Obwohl er nur Pinot Noir erntet, dauerte die Weinlese im Herbst 2010 mehr als sechs Wochen. «Ich bin glücklich, wenn meine Leute nicht mehr als 100 Kilo im Tag ernten, denn dann weiss ich, dass die Qualität stimmt.» Im schwierigen, von Fäulnisproblemen belasteten Herbst 2006 versuchten sie, mit minimalen Erträgen doch noch einen Spitzen-Pinot hervorzubringen. Doch später entschied sich Jacques Tatasciore, keinen 2006er unter seinem Namen abzufüllen. Er verkaufte die ganze Ernte ab Hof.
Bei Jean-Pierre Kuntzer, einem befreundeten Winzer mit einem viel grösseren Keller als seinem eigenen, hat er sich für den ersten Monat – für die Zeit der Ernte und die alkoholische Gärung – mit seinen Apparaturen eingemietet. Für die lange Zeit des Ausbaus der Weine (bis zu zwei Jahre), die er übrigens nicht filtriert, nutzt er seinen eigenen Keller in Cressier. Dabei verwendet er keine Barriques, sondern burgundische «Piècen». Dieses etwas gedrungener wirkende Fass fasst mit 228 Litern exakt drei Liter mehr als das «Barrique bordelaise», zudem sind die Dauben vier Millimeter dicker. Darum entwickelt sich der Pinot in diesem Burgunder-Fass etwas langsamer. Das Holz für diese Piècen kauft Tatasciore selber direkt beim Küfer, der es in ausgewählten Wäldern im französischen Tronçais holt, sie bei einem kleinen Tonnelier weiterverarbeiten lässt, bei dem Tatasciore mit Rat und Tat mithilft, bevor er die Piècen nach Hause nimmt.

«La grande recherche»

Es ist letztlich kein Wunder mehr, dass die Resultate dieses kompromisslosen Pinot-Handwerkers in jeder Beziehung überzeugen. Dabei zeigen seine Crus eine ganz klare Handschrift, unterscheiden sich aber doch durch subtile Nuancen. Wir finden Aromen von frischen roten Beeren, die niemals konfitürenähnlich konzentriert wirken. Dazu kommen Noten von Kräutern, Trockenblumen, Unterholz, Veilchen und Erde. Obwohl seine Topcrus alle mindestens 20 Monate in neuer Eiche reifen, wirkt das Holz niemals aufdringlich süsslich, sondern stets zurückhaltend und frisch. Im Gaumen präsentieren sich die Weine vielschichtig und sehr dicht gewoben, mit feinkörnigem edlem Tannin und einer präsenten Säure. Kein anderer Schweizer Winzer ist auf der «grande recherche» nach dem Mysterium Burgund so weit vorgedrungen wie er …

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