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Besuchen Sie das Lavaux nie an sonnigen Tagen! Nie an Tagen, an denen die Morgensonne so hell und klar über den blauen See strahlt, als sei es der erste Morgen nach der Schöpfung. Nie an Tagen, an denen um fünf Minuten nach elf der Kiesfrachter aus Saint Gingolph wie in Zeitlupe über den spiegelglatten See zieht und dabei eine sich zart ausbreitende Bugwelle zurücklässt, so feingliedrig wie der Schweif einer Blaumeise. Denn wenn an solchen Tagen die Winzer auf ihren Terrassen in den Reben hoch über dem See mit einem effektvollen «Bluup» die erste gut gekühlte Flasche Chasselas entkorken, ist es schon vor dem ersten Schluck der beste Wein der Welt. Die Winzer verkaufen hier nicht nur einen Wein, sie verkaufen ein Gesamtkunstwerk, ein Paradies auf Erden, ein Unesco-Weltkulturerbe. Glauben Sie mir, sogar der gute Robert M. Parker Jr., der Unbestechliche mit der Statur eines Baumfällers, würde auf so einer Terrasse umknicken wie ein Streichholz und dem Chasselas die Punkte im Doppelpack nachwerfen …
Die Welt ist nun mal ungerecht. Denn wieso sollen Winzer, die eh schon das Privileg haben, im Paradies zu wohnen, noch Bonuspunkte für ihre Weine bekommen?
Doch Henri und Vincent Chollet brauchen für ihre Crus keinen einzigen von diesen Landschafts-Bonuspunkten. Und das obwohl man vor ihrem Keller in Villette auf einer der schönsten Terrassen im ganzen Lavaux sitzt. Dort haben wir ihre Weine getrunken, nicht ausgespuckt. Die «Probe aufs Exempel» folgte dann in Studers modern gestylter Vinothek in Luzern. Die besten Crus aus Kalifornien und dem Rhônetal schauten uns über die Schultern, erinnerten uns daran, dass der Qualitätsmassstab beim Wein stets ein absoluter sein muss und es keinen Heimvorteil geben darf. Doch sowohl der holunderduftige weisse Altesse als auch die roten Spezialitäten aus alteingesessenen, aber lange Zeit vernachlässigten Sorten wie Mondeuse und Plant Robert (eine sagenumwobene Varietät des Gamay) begeisterten uns dermassen, dass nie die Versuchung aufkam, einen der vielfach teureren Kultweine aus den Vitrinen zu holen. Beide Chollet-Rotweine zeigten eine verführerische, beerig-frische Frucht, gekonnt unterlegte Würznoten, präsenten Gerbstoff und eine saftige Säure. Vor allem aber sind es temperamentvolle Weine, die sich gut trinken lassen. Das gilt auch für den reinsortigen Cabernet Franc mit seiner bestechenden Cassis-Frucht.
Der 65-jährige Henri Chollet und sein 31-jähriger Sohn Vincent sind Traditionalisten mit Weitblick. Sie füllen ihre Weine in alter Manier in 0,7-Liter-Flaschen, obwohl die EU längst zum Schluss gekommen ist, dass die 0,75-Liter-Flaschen das Mass aller Weindinge sein sollen. Vater Henri kennt tausend Geschichten über das Lavaux, wobei er sich dem See genauso verbunden fühlt wie den Reben. Darum trägt der Mondeuse auch den Namen « Le vin du Bacouni». «Bacounis nannte man früher die Schiffsleute, welche die Barken über den See gesteuert haben. Ich dachte mir, dass die Schiffer an so einem kernig-trinkigen Wein sicher ihre Freude gehabt hätten», erzählt er. Das Vater-Sohn-Gespann ist überzeugt, dass Tradition keine Entschuldigung für Trägheit sein darf, sondern immer wieder durch Innovation lebendig gehalten werden muss. Perfekt umgesetzt haben sie diese Philosophie mit ihrem Chasselas «Vase No 10». Aus einer hoch liegenden Einzellage in Villette selektioniert, ohne Säureabbau vinifiziert, dafür lange auf der Feinhefe ausgebaut, begeistert dieser Cru mit diskreter Zitrusfrucht und seiner wunderbar knackig-geradlinigen Art. Was ist dieser Chasselas doch für eine Wohltat im Gegensatz zu all diesen armselig-pseudomodernen Weinchen, früh gelesen, zugekleistert mit Restzucker und dann wieder aufgepumpt mit Kohlensäure … Schade, schade. Denn mit Weinen wie dem «Vase No 10» als Vorbild könnte der Waadtländer Chasselas auch international eine Rolle spielen.
Betriebswirtschaftlich gesehen ist es im besten Sinne «verrückt», was die Chollets leisten. Ihre acht Hektar Reben verteilen sich auf 60 verschiedene Parzellen. In diesen 60 Parzellen reifen 15 verschiedene Sorten, aus denen sie in drei verschiedenen Kellern nicht weniger als 30 Weine keltern. Und diese Weine werden nicht einfach nach Schema X gekeltert, sondern hinter jedem einzelnen steht eine individuelle Philosophie. Das bedeutet Feinhefe-Ausbau für den Chasselas, Ganztrauben-Gärung im ersten Stadium der Plant-Robert-Vinifikation, Pigage beim Cabernet Franc. Hier ein Touch gebrauchtes Eichenholz, dort eine kleine Spezialkelterung ohne Säureabbau. Wie kann man so ein Spiel mit tausend Faktoren, das mit jedem Jahrgang wieder von neuem beginnt, gewinnen? Die beiden antworten mit einem breiten Lachen. «Wir arbeiten halt gerne viel. Die Konsequenz ist, dass sich an unserem Telefon meist nur der Beantworter meldet, weil wir viel lieber in den Reben oder im Keller sind als im Büro», sagt Vincent Chollet. Vielleicht kommt der besondere Esprit in dieser Domäne daher, dass er nicht wie andere in hundertjährigen Familientraditionen gefangen ist. Henri Chollet lernte als zweitältester Sohn einer Winzerfamilie zuerst den Beruf eines Bauzeichners, arbeitete mit renommierten Architekten und begann im Alter von 27 Jahren hobbymässig eine kleine Rebparzelle zu bewirtschaften. Aus dem Hobby wurde Leidenschaft, und weil er in den Reben akribisch arbeitete, boten ihm etliche ältere Winzer ihre Rebgärten an, in der Gewissheit, sie in gute Hände zu geben. Nach der Heirat von Vincent kamen noch einige Parzellen in Epesses dazu. Die Tatsache, dass sich die Domaine Mermetus der Chollets in den letzten 30 Jahren «from zero to hero», von null auf zum Topbetrieb entwickeln konnte, ist für Waadtländer Verhältnisse ein kleines Wunder. Inzwischen trägt der 31-jährige Vincent die Verantwortung für das Weingut. Und drückt weiterhin mächtig aufs Gaspedal. Unter anderem träumt er davon, bald einen eigenen Dézaley Grand Cru in die Flasche zu bringen. Wir meinen: Der Dézaley kann sich glücklich schätzen, solche Bewunderer zu haben. Vater Henri widmet sich neben den Rebbergen vermehrt den schönen Künsten. Er ist ein begnadeter Zeichner und auch ein Poet. Dem frühlingshaft beschwingt wirkenden Altesse hat er den Namen «Une touche de fantaisie» gegeben. Dieser Name umschreibt den Wein besser als jede Degustationsnotiz. Tja: Im «weinvielfaltsmässig» noch immer ein wenig grauen Lavaux wirkt das vielfältige Schaffen der Chollets so überraschend lebendig und vital, als gleite ein «Yellow Submarine», begleitet von Delfinen, durch den blauen Genfersee …