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In Châteauneuf-du-Pape sprechen die Winzer täglich mit ihren über 100-jährigen Grenache-Stöcken. Bei Jean-Paul Daumen, dem wortkargen Ausnahmewinzer, der seinem Gegenüber selten mehr als zwei Sätze am Stück schenkt, ist es gar gut möglich, dass er mit seinen Reben intensiver kommuniziert als mit den meisten Menschen. Verständlich, denn seine Gobelet-Buschreben sind in der Tat höchst eindrucksvolle Persönlichkeiten. Ihre mächtigen, knorrigen Strünke erinnern an die runzligen Beine von Elefanten. An den ältesten Grenache- Methusalemen, welche die Familie Daumen seit Generationen pflegt, reiften schon Trauben, bevor die Gebrüder Wright im Jahre 1903 zum ersten Motorflug der Geschichte starteten. Als etliche Châteauneuf-du-Pape-Winzer in den 80er- und frühen 90er-Jahren ihrer bisherigen Leitsorte das Vertrauen entzogen und lieber dem mutmasslich zeitgemässeren und mehrheitsfähigeren Syrah nachrannten, schüttelten Jean-Paul Daumen und sein Vater den Kopf. Alte Grenache- Stöcke ausreissen, das war für sie ein Verbrechen, das mit Gefängnis bestraft werden sollte. Denn eines war sicher: Keine andere Sorte kann – vor allem auf den sandigen Terroirs von Châteauneuf – mehr dunkle Frucht, mehr Fülle und mehr mediterranen Charme entfalten. Nur: Die Grenache erfordert viel Fingerspitzengefühl und stetige Aufmerksamkeit. Wenn man sie nicht ständig im Auge hat, ist es schnell passiert. Zu viel Ertrag an den Stöcken und der Wein wird belanglos. Ein minimalstes Oxidationsproblem wegen einem nicht ganz gefüllten Fass im Keller, schon zeigt sich der Wein ältlich, ausgezehrt und hart. Nicht so bei Vieille Julienne. Jean-Paul Daumen hat die Sorte fest im Griff. Dabei verfügt er in sei- nem Keller noch nicht mal über Kühlmöglichkeiten. Als er im Jahr 1990 die stolze, 30 Hektar Reben umfassende Domaine de la Vieille Julienne von seinem Vater übernahm, führte er behutsam Neuerungen ein. So werden die Trauben nun vor der Maischengärung entrappt. Sofort zeigte die Sorte mehr dunkelbeerige Frucht und mediterranen Charme. Ergänzt mit Syrah, Mourvèdre und Cinsault, aber auch mit raren Sorten wie Counoise, Muscardin und Vaccarèse entstehen seither opulente, aber doch stets auch überraschend ausgewogene Châteauneufs mit Aromen von blauen und schwarzen Beeren, unterlegt von einer Spur Pfeffer, Walderde, Kaffee und Rauch. Wie schafft er es nur, so viel lebendige Frische in seinen «Vins de Soleil» zu packen? Nun, Jean-Paul hat das Glück, dass seine Rebberge eher nach Norden ausgerichtet sind.
Die faszinierenden Weine von Vieille Julienne haben in den letzten zehn Jahren nochmals an Qualität zugelegt, seit die Reben nach den biodynamischen Methoden des Philosophen und Anthroposophen Rudolf Steiner (1861 bis 1925) bewirtschaftet werden. Seither berücksichtigt Jean Paul bei der Planung der Rebbergsarbeiten die Konstellation der Gestirne. So findet die Ernte wenn möglich bei aufsteigendem Mond statt, weil die Pflanze dann ihre ganze Kraft auf die Bereiche über der Erde konzentriert, also auch auf die Traubenzone. Dank Hornmistpräparaten fürs Wurzelwachstum, Hornkieselpräparaten zur Förderung der Fotosynthese sowie teeähnlichen Aufgüssen aus Kamillen-, Schafgarben-, Brennessel- oder Baldrianblüten fürs allgemeine Wohlbefinden erleben die Grenache-Grossväter gerade ihren dritten Frühling. Damit sie es künftig noch besser haben, hat Jean Paul vor einiger Zeit damit angefangen, die Energieflüsse in seinen Rebbergen minutiös zu untersuchen. Im Keller übrigens ist der Winzer ganz Traditionalist und beschränkt die Eingriffe auf das absolute Minimum. So werden alle Weine spontan mit Naturhefen vergoren und reifen ausschliesslich in Betontanks oder grossen Holzfässern. Sein Vater beobachtet die Aktivitäten seines Sohnes übrigens noch immer mit einem gewissen Argwohn. Aber was will er sagen, wenn die Qualität der Weine doch schlicht und einfach über jeden Zweifel erhaben ist …
… und sein Sohn fast alljährlich die 100 Punkte vom gros- sen Punkte-Verteilmeister aus den USA in Empfang nehmen darf.