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Die Syrah-Kapitale Tain l’Hermitage – seien wir ehrlich – ist nicht mit zu viel Charme gesegnet, doch die Rebberge dahinter, vor allem die extremen Steillagen des Hermitage gehören zum Beeindruckendsten, was die Weinwelt zu bieten hat. Auch die weit weniger exponierten Weinberge der direkt angrenzenden, viel grösseren Appellationen Crozes-Hermitage bringen im Zuge der Klimaerwärmung nun Weine mit mehr Fülle hervor. Yann Chave (übrigens nicht verwandt mit dem berühmteren Jean-Louis Chave) pflegt das Understatment, dabei zeigt doch schon sein Crozes-Hermitage «Le Rouvre» mehr Klasse und Struktur als manche der vermeintlich exklusiveren Hermitage von anderen Produzenten. Der 39-jährige Winzer hält nichts von jenen vordergründigen Johannisbeer-Fruchtbomben, die andere Erzeuger hier seit einigen Jahren abfüllen. Was Yann Chave anstrebt, ist Eleganz und vor allem Struktur. Seine Weine sind auf Lagerfähigkeit getrimmt. So zeigt sich etwa der unglaublich schöne, saftige 2005er Crozes-Hermitage «Le Rouvre» erst gerade am Beginn seiner Trinkreife und dürfte in fünf weiteren Jahren noch viel mehr Genuss bereiten. Sein Hermitage lässt die gleiche Handschrift erkennen, nur ist er eben noch konzentrierter, vielschichtiger und langlebiger. Selten zeigt die Syrah-Traube so viel Klasse wie bei diesem diskret auftretenden Winzer. Etwas übrigens hat Yann Chave mit Philippe Cambie gemeinsam. Eine allergieähnliche Abneigung gegen zu aufdringliche Eichenholzwürze. Darum baut er seine Topweine konsequent in sogenannten «Demi-muid», den 600-Liter-Fässern des Küfers Seguin Moreau aus. Eine weise Entscheidung.
Wir fahren hinaus zum Hermitage-Hang und Yann zeigt uns seine 1,5 Hektar grosse Parzelle, die er seit zwei Jahren kontrolliert biologisch bewirtschaftet. Er sieht es als Massnahme für eine langfristige Qualitätssteigerung. Durch den Verzicht auf synthetische Spritzmittel wird sich – so hofft er – die natürliche Hefepopulation in seiner Parzelle vergrössern. Dies soll seinen Weinen, die er schon heute nur mit diesen Naturhefen vergären lässt, mehr Komplexität verleihen. Die Bodenbearbeitung mit dem Pflug wird in dieser Steillage noch heute grösstenteils mit Pferden durchgeführt. Ein auf den Einsatz von Nutztieren spezialisierter Landwirtschaftsbetrieb erledigt diese Arbeit für mehrere Winzer. «An gewissen Tagen kann man bis zu sechs Pferde im Hermitage-Rebberg sehen. Ein archaischer, ja biblischer Anblick», sagt Yann Chave.
Nach Anbruch der Nacht zeigt die Altstadt von Tain dann doch noch ihren Charme. An der Avenue du Dr. Paul Durand stossen wir auf das kleine Bistro «Le Mangevin». Stimmengewirr und warmes Licht dringen durch grosse Fenster, in denen viele Weinflaschen stehen, in die kalte Nacht. Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl ist. Was braucht der Mensch denn abends mehr als ein verheissungsvoll erscheinendes Restaurant? Es gibt scharf angebratene Coquilles St-Jacques, danach eine Cassoulet mit Innereien. Der Sommelier empfiehlt einen voll ausgereiften weissen Hermitage zur Jakobsmuschel und danach zum Eintopf einen zehnjährigen St-Joseph. Die Weine harmonieren perfekt mit der schmackhaften, ungekünstelten Küche. Nach Mitternacht, im warmen Bett, träumen wir davon, wie lange uns wohl so ein Hermitage von Yann Chave seine Grösse zeigen wird, wenn sich doch selbst ein vermeintlich «einfacher St-Joseph» so lange gut hält.