Über uns › Neuigkeiten ›
Sie waren schon da, als Victor Hugo im Jahr 1862 seinen Erfolgsroman «Les Misérables» schrieb und Vincent van Gogh seine «Zwölf Sonnenblumen in einer Vase» malte. In einem stillen Winkel haben sie mit zufälligem oder etwas nachgeholfenem Glück auch den Zweiten Weltkrieg überlebt, mit den deutschen Besatzern, die alles konfiszierten und wegsoffen, was sie in den französischen Kellern aufspüren konnten. Einem edlen Cognac kann in seinem Leben nichts Besseres passieren, als dass er ein paar Jahrzehntchen einfach vergessen wird. In einigen wenigen Kellern von Cognac, den sogenannten Chais, dauerte der hochprozentige «Dornröschenschlaf» gar mehr als 100 Jahre. Bei Cognac Moyet stehen noch heute Glasballons, sogenannte «Demijohns», aus der Zeit von 1860 bis 1900. Pierre Dubarry, der heutige Patron von Cognac Moyet, beziffert diesen einzigartigen Schatz auf über 100 Ballons mit jeweils 50 Litern. Zu diesen flüssigen Juwelen ist er auf ähnliche Weise gekommen, wie die ominöse Jungfrau zum Kind.
1978 arbeitete Pierre Dubarry als Importeur von Automotoren-Bestandteilen in Paris. Irgendwann erzählte ihm einer seiner Freunde, dass ein ferner Verwandter ein heruntergekommenes Cognac-Haus im gleichnamigen Städtchen besitze, das er gerne verkaufen wolle. Ein kleines Cognac-Haus zu erwerben, war zu jener Zeit für einen jungen Pariser Geschäftsmann so abwegig, wie als Eremit in einem abgelegenen Pyrenäen-Tal zu leben. Trotzdem fuhr Dubarry mit drei Freunden hin, um sich die Sache anzusehen. Dort traten sie in eine filmreife Szenerie ein. In einem morbiden Gebäude trafen sie den Direktor und den Kellermeister von Moyet, die zusammen mit ihren Frauen ihr Metier so betrieben, wie man das im 19. Jh. gemacht hat. Obwohl höchstens noch 2000 Flaschen pro Jahr verkauft wurden, destillierte und «blendete» Honoré Piquepailli, der Kellermeister, noch immer beträchtliche Mengen an Cognac. Nur: im Gegensatz zu anderen kleinen Produzenten, die ihre jugendlichen Brände an die grossen Häuser wie Martell oder Henessy verkauften, gab Piquepailli seine Schätze nicht aus der Hand. Er pflegte und verfeinerte sie vielmehr über Jahre und Jahrzehnte hinweg weiter.
Nachforschungen ergaben, dass Firmengründer Euthrope Moyet, erst alleine und später zusammen mit seinem Schwiegersohn André Tessier, seine Cognacs zwischen 1870 und 1910 weltweit etablieren konnte. So wurden in Chicago und Singapur eigene Moyet-Niederlassungen gegründet. Nachdem André Tessier im Ersten Weltkrieg gefallen und Euthrope Moyet im Jahr 1918 gestorben war, liess seine vermögende Familie die Produktion fortsetzen. Der kaum 20-jährige Honoré Piquepailli wurde zum Maître de Chais ernannt. Und der brannte und veredelte seine Cognacs – unbeeindruckt von den Entwicklungen des Marktes – genauso wie Euthrope Moyet es ihn gelehrt hatte.
Die vier Freunde erfassten intuitiv, was für einen Schatz sie da gefunden hatten und übernahmen Cognac Moyet. Wenige Jahre später, als die Nachfrage nach individuellen, handwerklich gefertigten Cognacs wieder stieg, erlebte Moyet eine Renaissance. 1994 wurde Pierre Dubarry neuer Mehrheitsbesitzer und heute verkauft Moyet wieder annähernd 200 000 Flaschen im Jahr. Darunter so rare Unikat-Abfüllungen wie den rund 100-jährigen «Très Vieille Fine Champagne» und den noch älteren «Très Vieille Grand Champagne». Bei--de faszinieren mit einer vielschichtigen Tertiäraromatik mit Rancio-Noten, aber auch Aromen von kandierten und rosinierten Früchten, ätherischen Blüten, Marzipan, Vanille und Gewürzen. Im Gaumen zeigen beide Edel-Cognacs noch immer viel Temperament und eine warme Fülle mit gewaltigem Nachhall.
Moyet nutzt die ganze Klaviatur der Cognac-Herstellung. So werden sowohl Grundweine als auch Cognacs zugekauft, um diese zu brennen bzw. im Holz weiter zu verfeinern. Besonders stolz ist Pierre Dubarry auf die eigenen, rund 15 Hektar umfassenden Rebgärten im kleinen, zu Unrecht kaum bekannten Anbaugebiet Borderies. Aus diesen eigenen Rebgärten entsteht der elegante, vielschichtige Lagen-Cognac Borderies X.O. mit ausgesprochen blumig-subtilen Aromen. Schon der vermeintlich einfache «Fine Champagne» mit seiner geradlinigen Art ist eine Entdeckung. In den letzten 15 Jahren hat Pierre Dubarry die Geschichte von Moyet wie ein Detektiv erforscht. Dabei ist er auf einen direkten Nachkommen von André Tessier, den Schwiegersohn von Firmengründer Euthrope Moyet, gestossen. Dieser fand auf seinem Estrich alte Fotoalben, Betriebsbücher und Plakate aus der Gründerzeit.
Mehr denn je ist dem 62-jährigen Pierre Dubarry heute bewusst, wie viel Glück er hatte, dass das Schicksal ihn zu Moyet führte. Und in das aussergewöhnliche Städtchen Cognac. Er mag seine Heimat am liebsten im Herbst, wenn Nebelschwaden über der Charente hängen und sich die klamme Feuchtigkeit des Flusses mit dem Geruch nach Branntwein mischt, der aus den Chais, in denen der Cognac lagert, auf die Gassen dringt. An den Häusern hängt noch immer schwarzer Moder. Es ist der Pilz namens «Torula Compniacensis», der sich vom «La Part des Anges» nährt, jenen zwei Prozent des in der Stadt eingelagerten Cognacs, der jährlich verdunstet. In den Gassen von Alt-Cognac atmet man mit jedem Schritt den Geist der alten Cognacs. «Très Vieille» ist ein wunderbares Lebensprinzip.
Der Ruf der Cognac-Brände beruht auf dem Kreideboden, in dem die Rebstöcke wurzeln. Je nach Lage mischt sich die Kreide mit Lehm. Angebaut werden hauptsächlich die Traubensorten Ugni Blanc, Folle Blanche und Colombard. Aus den Trauben werden Grundweine mit rund 9 Volumenprozent Alkohol gekeltert, die dann zweimal destilliert werden. Danach reifen die Brände jahre-, bzw. jahrzehntelang in Eichenfässern verschiedener Grösse.
Grande Champagne – Gilt als Grand Cru unter den Anbaugebieten. Erbringt langlebige Cognacs mit blumigen Aromen und enormer Klasse und Nachhaltigkeit. – Anbaufläche: ca. 13 000 Hektar
Petite Champagne – Geniesst den Status eines Premier Crus. Ausgeprägt fruchtige Aromen. Im Gaumen viel Finesse und Eleganz. – Anbaufläche: ca. 15 000 Hektar
Borderies – Der Geheimtipp unter den sechs Lagen. Ausgeprägt blumige Noten, vor allem Veilchen und Iris. Ergibt Brän-de von tänzerischer Leichtigkeit bei trotzdem guter Struk-tur, die eine Spur schneller reifen als jene aus der Cham-pagne. – Anbaufläche: ca. 3900 Hektar
Fine Bois – Traubenfruchtige Aromen und gut abgerundet im Geschmack. Brände mit Finesse, die vergleichsweise schnell reifen. – Anbaufläche: ca. 30 000 Hektar
Bons Bois – Fruchtige Aromen, aber auch Terroir-Geschmack, ausgewogen im Gaumen. Ergibt einfache, schnell rei-fen-de Cognacs. – Anbaufläche: ca. 9300 Hektar
Bois Ordinaires – Im Einfluss des hier schon maritimen Klimas entstehen schnell reifende, einfache Brände mit erkennbarer Herkunft. – Anbaufläche: ca. 1100 Hektar