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Dem Schwarz Johann könnte ich stundenlang zuhören. Ich versteh zwar von dem, was er sagt, höchstens jedes dritte Wort, aber das macht nichts. Denn «Seewinkel-Ost» klingt noch schöner als der westjapanische Tokushima-Dialekt. Und die anderen, na ja, die verstehen ihn ja schliesslich auch nicht. Selbst sein bester Freund, der Kracher Alois selig, meinte mal, er bräuchte eigentlich einen Übersetzer, wenn er mit dem Schwoaz ernsthaft was zu besprechen habe. Seine Weine reden glücklicherweise für sich selbst. Als ich das erste Mal in der Wein & Co-Bar am Stephansplatz in Wien seinen «Schwarz Rot» blind vorgesetzt bekam – es war wahrscheinlich der 2000er –, dachte ich beim ersten Schluck an die südliche Rhône, beim zweiten ans Priorat und beim letzten wähnte ich sogar das Barossa Valley verdammt nahe. Dabei wars hundert Prozent Zweigelt vom Neusiedlersee. Aus den Lautsprechern donnerte gleichzeitig – es kann kein Zufall gewesen sein – «Out of the Dark – into the light» des damals kurz zuvor tödlich verunglückten Falco. Oh Mann, das waren noch Zeiten! Falco und «Schwarz Rot» hatten nämlich für mich durchaus was gemeinsam. Man könnte es eine überschwängliche Extravertiertheit nennen. Mit den folgenden Jahrgängen hat sich der «Schwarz Rot» um eine edle Spur verändert. Er ist weniger mächtig, dafür präziser geworden. Der Anteil an Neuholz wurde etwas reduziert. Die Konzentration bekam einen solideren Unterbau, mehr feinkörnige Struktur. Der 2002er war schon ein echt geiler Wein. Nicht australisch geil, sondern burgenländisch geil. Bis zu diesem Wein war für mich der halbseidige Blaufränkisch das beste Gewächs aus dem Wein-Rotlichtviertel Burgenland, aber mit «Schwarz Rot» 2002 wechselte ich zur Zweigelt-Fraktion. Und da bin ich bis heute geblieben. Dank dem Schwarz Johann. Wie überall in Europa haben sich auch die burgenländischen Rotweine im Zuge der Klimaerwärmung ein paar Grad Alkohol mehr auf die Rippen gepackt. Doch der mutige Zweigelt widersetzt sich dieser Entwicklung. Die Kreuzung aus Blaufränkisch und St. Laurent ist Gott sei Dank nicht zur Zuckerfabrik mutiert wie viele andere Sorten. Bei 13,5 Volumenprozent Alkohol ist bei ihm Schluss. Dann ist er physiologisch reif und will vom Schwarz geerntet werden. Was er auch tut, denn: «Burgenländischen Amarone aus eingeschrumpften Beeren haben wir schon mehr als genug.»
Vor zehn Jahren war Johann Schwarz zu 80 Prozent Metzger und zu 20 Prozent Winzer. Heute ist er 80 Prozent Winzer und nur noch 20 Prozent Metzger. Warum auch nicht? Schliesslich ist schon so mancher Quer-Einsteiger dem Wein-Virus erlegen. Doch Schwarz ist ein ehrlicher Mann. Dass er heute auf den Wein setze, habe auch damit zu tun, «dass im Burgenland heute ein Kilo Schweinsfilet nur mehr so viel kostet wie bei euch in der Schweiz ein Kilo Hackfleisch». Mit anderen Worten: Das Fleisch ist am Arsch im Burgenland, vom Wein aber, den sie hier am Ende der Welt jahrhundertelang ganz alleine trinken mussten, wollen sie inzwischen auch in Singapur, Los Angeles und Luzern was abbekommen. Wer mit Johann Schwarz spricht, über Ertragsreduktion im Rebberg oder gekühlte Maischenstandzeit beim Zweigelt, die in den ersten Jahren übrigens noch in den Kühlwagen seiner Metzgerei stattfand, merkt schnell: Dieser Mann kennt nicht nur jedes Blatt in seinen stolzen 12 Hektar umfassenden Weinbergen, er kennt auch alle Tricks und Kniffe der Vinifikation. Das hatten ihm anfangs nicht alle zugetraut. Kein anderes Weingut in Österreich ist nämlich so clever und lautstark lanciert worden wie seines. Als der Metzger aus Andau vor zehn Jahren zur Lancierungs-Party in ein Blumengeschäft am Neusiedlersee einlud, «with friendly help» von Süssweinkönig Alois Kracher und dem Winzer-Bäckermeister Manfred Krankl aus Los Angeles, fehlte kein Weinjournalist und auch kein «Wein-Strizzi» aus Wien. Auf der farblich geschickt verfremdeten Einladungskarte posierten Schwarz, Krankl und Kracher wie drei abgebrühte Hardrocker aus L. A. Es fehlten eigentlich nur die Tattoos und Totenkopfringe. So viel Inszenierung machte natürlich misstrauisch. Doch rückblickend betrachtet wissen wir: Der Presse-Wirbel war dem Ereignis angemessen: Wir erlebten damals tatsächlich die Geburt eines wegweisenden Weinguts.
Und doch: Wer den Schwarz Johann am Neusiedlersee besucht, hofft noch immer, er werde zum Zweigelt wenigstens ein kleines Bratwürstel von einem Mangaliza-Schweinchen bekommen, das zuvor auf der Weide im nahen Nationalpark ordentlich viel Kresse gefressen hat. Zudem bin ich sicher: Wenn Schwarz Johann am Neusiedlersee den Salzlaken entlangspaziert, fliegen die Graugänse und Uferschnepfen noch immer kreischend davon, weil sie Angst haben, dass er sie sonst zu Terrinen verarbeitet. In «Natbush City Limits» singt die junge Tina Turner von ihrer kleinen Heimatstadt in den Baumwollfeldern von Tennessee. Vielleicht wird Schwarz, der die enge Weite seiner Heimat nicht mit Musik, dafür mit seinen Weinen überwunden hat, irgendwann mal ein ähnliches Liedchen schreiben: Saltlake City Limits …