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Besuchen Sie den Genfer Winzer-«Tausendsassa» Stéphane Gros nie zu dritt. Dann wird er nämlich ein Bündel Jasskarten aus dem Ärmel schütteln und sagen: «Ahaaaa, drei und ich sind vier, auf gehts zu einen kleinen Schieber!» Dieser Mann ist immer für eine Überraschung gut. Er sieht ja eher wie der Bass-Zupfer in einer Rockband oder der Fahrer einer selbst renovierten Antik-Vespa aus. Doch er ist tatsächlich ein radikaler Anhänger des urhelvetischen Kartenspiels. Man könnte es ja auch als Terroir bezeichnen. Nicht nur die Rebstöcke brauchen feste Wurzeln, der Winzer genauso. Nur wenn beide gut geerdet sind, entstehen wirklich individuelle Weine. Die Einstiegsseite seiner Website beginnt mit einem Gedicht. Da wird die Erde zwischen den Fingern als körnige Intelligenz bezeichnet, die darauf wartet, dass man sich mit ihr beschäftigt. Denn nur wer ihren Code erkennt, kann diesen auch in die Flasche zaubern.
Die Genfer Winzer standen lange im Schatten der Walliser und Waadtländer. Kaum jemand wusste, dass der kleine Kanton Genf der drittgrösste Weinbaukanton der Schweiz ist. Heute hat die Genfer Spitzenwein-Szene dank charismatischer Personen wie Stéphane Gros klarere Konturen. Und wer die Uno- und Uhrenstadt erst mal verlässt und ins ländliche Mandement hinausfährt, reibt sich die Augen. Denn nur wenige Kilometer hinter dem Flughafen kommt er in intakte Winzerdörfer mit Pinten, «Aubergen» und Cafés, in denen eine schon ländliche französische Küche mit Gänseleber, deftigen Saucissons und lokal geschossenem Wildschwein gepflegt wird. Dardagny, das Dorf, in dem Stéphane wohnt und «winzert», ist so ein Ort. Hier lebt man wie Gott in Frankreich, oder eben in Genf – denn die Grenze ist hier nicht mehr als eine abstrakte Linie, die ab und zu mitten durch die Rebberge verläuft.
Stéphane Gros hatte zuerst die diplomatische Bühne im Visier, besuchte entsprechende Schulen. Danach wurde er «Banker» in der Finanzmetropole Genf. Als sich aber der 30. Geburtstag näherte, entwickelte er eine schlimme Allergie gegen Anzug und Krawatte. Und nicht nur das. Aus unerfindlichen Gründen liess er plötzlich seine Haare wachsen, knotete sie zu einem Pferdeschwanz und wurde doch noch das, was sein Vater immer gewesen war: Winzer. Aber natürlich nicht irgendein Winzer. Das wurde den Nachbarn schon klar, als er eine allein stehende Scheune zu einer «Atelier»-Kellerei umbaute. Die Futterkrippen für die Tiere sind immer noch da, manche Besucher halten sie für ein Kunstobjekt. Dort wo einst die Viecher mampften, schissen und kopulierten, stehen heute Stahltanks und Barriques. Beim Eingang übrigens thront – erschreckend gross – die Skulptur eines Wildschweins. «Wisst ihr, dass sich hier bei uns im Mandement bis zu 500 Wildschweine rumtreiben, die alle aus Frankreich zu uns rüberspazieren weil in Genf die Revierjagd verboten ist. Sie kommen ohne Pass und mampfen unsere Trauben», erzählt Stéphane mit schelmischem Lachen und ergänzt: «Ich hab ja nichts gegen die Borstentierchen, solange sie meine Trauben nur zur Vorspeise, und nicht auch zum Hauptgang schnabulieren.»
Heute gehört der «Kuhstall-Winzer» zu den führenden Akteuren in der Genfer Weinszene. Mit Freunden hat er das Projekt «L’Ami Gros» (die Migros wirds freuen) gestartet, das «Bag in Box»-Weine von guter Qualität produziert. Doch natürlich schlägt sein Herz zuallererst für seine Top-Weine, mit denen er das Beste aus dem Terroir in Dardagny herauskitzelt. Sauvignon Blanc und Viognier etwa vereinen aufs Schönste Frucht und Finesse. Wer sich auf diese Crus einlässt, entdeckt in ihnen schnell viel mehr als betörende Primärfrucht. Auch die Roten überzeugen mit Dichte und Struktur. Es sind Weine mit Anspruch, die sich trotzdem mit viel Spass trinken lassen. Gros’ Gamaret verbindet die unkomplizierte Süffigkeit eines Gamays mit der Struktur eines Syrahs. Und was er aus den Bordeaux-Sorten herausholt, gehört definitiv mit zum Besten, was in der Schweiz diesbezüglich zu finden ist. Was für ein feines Händchen dieser Winzer hat, beweist er exemplarisch mit der Sorte Cabernet Franc, aus der er zwei Weine keltert. Die einfachere Version, mit viel Frucht und weichem Gerbstoff, ist ein Schmeichler mit Temperament. Seine Top-Selektion «Salamander» – das erklärte Lieblingstier des Winzers» – verblüfft mit viel Fülle und Struktur. Dass er diesen Cru ausschliesslich in Magnum-Flaschen abfüllt, macht Sinn: Erstens bereitet dieser Wein einfach so viel Spass, dass die 1,5 Liter viel rascher weg sind als man glaubt, egal wie viele Personen nun mit am Tisch sitzen. Und zweitens kostet diese Magnum ja kaum mehr, als ausländische Spitzenwinzer für eine kleine Flasche verlangen, die sie aus dieser raren und anspruchsvollen Traubensorte keltern. Tja, auf der Hochpreis-Insel Genf sind die Topcrus von Stéphane Gros noch immer ein Schnäppchen.