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Im tiefen Tal der Superhexer

Im Napa Valley tut sich was! Nach der Dekade, in der die hoch konzentrierten Super-Crus den Ton angaben, überrascht eine neue Generation von Napa-Topbetrieben mit reinsortigen Cabernets und Cabernet-Blends, die beerige Fruchtfülle mit Eleganz und Struktur vereinen, bei eher tieferen Alkoholwerten. Napa rückt wieder näher zu Bordeaux. Freude herrscht!

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Am Highway 29, wo die Weintouristen mit ihren Limousinen zunehmend den Winzer-Berufsverkehr lahmlegen, thronen die Ikonen der kalifornischen Weinkultur: Mondavi, Inglenook, Beaulieu, Beringer. Dass sie längst nicht mehr im Besitz der Gründerfamilien sind, sieht man den historischen Gebäuden nicht an. Und auch die legendäre Oakville Grocery, wo sich früher die alteingesessenen Napa-Winzer morgens zu Filterkaffee und Muffins trafen, erinnert äusserlich zwar immer noch an ein Kolonialwarengeschäft aus einem John-Wayne-Western, ist aber seit einigen Jahren ein exquisites Feinkostgeschäft, das von Dean & DeLuca betrieben wird.
Es ist schon verrückt. Während im guten alten Europa, beispielsweise im spanischen Priorat oder dem österreichischen Burgenland, die neuen Kellereien mit geradezu plakativ zur Schau gestellter, moderner Architektur so etwas wie Wein-Aufbruchstimmung zu verbreiten versuchen, gibt sich das Napa Valley diesbezüglich in den letzten Jahren geradezu konservativ. Die spektakulärste Kellerei ist noch immer die 1997 von Herzog & de Meuron gebaute Dominus Winery. Doch dieser äusserliche Anschein von Trägheit trügt. Die Wein-
kultur im Napa Valley hat sich in den letzten zehn Jahren überaus dynamisch und nachhaltig verändert. Nur: Die neu gegründeten Kellereien verstecken sich geschickt hinter und vor allem tief in den Hügeln, genauer gesagt in den mit Spritzbeton ausgekleideten Tunnelsystemen, wo die meisten der neuen Napa-Topcrus vinifiziert und ausgebaut werden.

Trauben kriegen mehr Schatten

Ein aufmerksamer Blick in die Rebgärten verrät, wohin die stilistische Reise der Napa-Spitzenweine führen wird. So ist im Herbst 2011 vor der Ernte wieder deutlich mehr Blattwerk in den Traubenzonen zu sehen, als noch vor ein paar Jahren. Die Trauben sollen nicht zu stark der prallen Sonne ausgesetzt sein. Denn bei Tagestemperaturen von nicht selten weit über 30 Grad im September besteht sonst die Gefahr der Dehydratation. Die Beeren trocknen etwas ein, sodass ihre Haut schrumpelig wird. Die Folge ist ein an Rosinen erinnernder, süsslicher Ton im Wein, der in den letzten Jahren so manchen Napa-Valley-Cabernet aus der Balance brachte. Auch mit anderen Massnahmen kämpfen die Winzer gegen zu hohe Zuckerwerte an. So werden neben der Tropfenbewässerung zunehmend auch Zerstäuber eingesetzt, um an Hitzetagen die Traubenzone etwas abzukühlen. Ergänzend kommen auch Schatten-Paneelen zum Einsatz, die bei Bedarf ausgeklappt werden können. Noch mehr Möglichkeiten eröffnen sich den Winzern bei Neuanpflanzungen. Wurden in der Vergangenheit die Rebreihen schlicht und einfach im 90-Grad-Winkel zum Highway 29 angelegt, so öffnen sich die Reihen nun mehr nach Südwesten in direkter Richtung zur San Pablo Bay, von wo aus die kühle Pazifikluft ins Tal strömt. Zudem werden die neuen Anlagen deutlich höher erzogen, um die Trauben weiter vom heissen Boden wegzubringen. So gelingt es, Weine zu keltern, die unter der Schallgrenze von 14,5 Volumenprozent Alkohol liegen und anstelle von zu expressiver Fruchtsüsse wieder vermehrt die kernig-maskulinen Eigenschaften von Cabernet, Merlot und Co. zeigen.

Im Wettstreit mit Bordeaux

Obwohl im Napa Valley auch einige vorzügliche Chardonnays gekeltert werden, haben sich die Winzer immer in erster Linie an Bordeaux orientiert. Dass hier Cabernet-Blends von Weltklasse reifen können, zeigte sich schon in der 40er- und 50er-Jahren. Mit Trauben, die in der Talebene bei Rutherford reiften, kelterten Beaulieu Vineyard (mit ihrem Georges de Latour Private Reserve) und die Inglenook Winery grossartige Gewächse mit enormem Entwicklungspotenzial. Kein Wunder wurden für einen 1941er Inglenook Cabernet, der von amerikanischen Experten noch heute mit 95 Punkten bewertet wird, kürzlich mehr als 3000 Dollar bezahlt. International bekannt wurde des Napa Valley in den 60er- und 70er-Jahren durch charismatische Winzer wie Robert Mondavi, Joe Heitz, Joseph Phelps oder Ed Sbragia (Beringer). Eine entscheidende Rolle spielte dabei die vom Journalisten Steven Spurrier 1976 organisierte «Weinjury von Paris», bei der elf renommierte französische Verkoster den 73er Cabernet von Stag’s Leap Wine Cellars höher bewerteten als Mouton-Rothschild, Montrose und Haut-Brion. Noch mehr als das Resultat verblüffte dabei die Tatsache, dass die Fachleute nicht in der Lage waren, zu erkennen, welche Weine aus Bordeaux und welche aus Kalifornien stammten. Vergleichsproben dieser Art wurden in den folgenden 20 Jahren, meist organisiert von Napa-Valley-Weingütern, immer wieder durchgeführt, und in den meisten Fällen schwangen die Kalifornier obenaus. Auch die Stilistik der Weine aus Napa und Bordeaux blieb eng verwandt. Noch Mitte der 90er-Jahre wurden Weine wie beispielsweise Dominus oder Heitz' Martha’s Vineyard bei Blindproben regelmässig Bordeaux zugeordnet.

Epoche der Superlative

Die Zäsur kam in den späten 90er-Jahren. Und sie war heftig. Fast über Nacht stiegen eine Handvoll neuer Kellereien in den Napa-Weinhimmel auf und stellten die bisherige Hierarchie auf den Kopf. Die Kultweine, die sie produzierten, hatten zwei Dinge gemeinsam. Erstens wurden sie exakt nach dem Geschmacksbild von Robert M. Parker und seinem «verlängerten önologischen Arm» Michel Rolland konzipiert. Zeigte ein klassischer Napa-Cabernet nebst Beerenfrucht immer auch Pfeffer- und Minzetöne sowie einen kernigen Gerbstoff, so setzten Screaming Eagle, Harlan Estate und Bryant Family auf verschwenderische, cassislikörige Fruchtfülle, unterlegt mit opulenten Würznoten. Zudem hatten die neuen Kultwinzer keine Angst vor astronomischen Alkoholwerten von 14,5 Volumenprozent oder gar deutlich mehr. Die zweite Gemeinsamkeit betraf das Preisniveau. Wurden die Napa-Spitzenweine in den 90er-Jahren für maximal 200 Dollar gehandelt, so durchbrach der Screaming Eagle zum Jahrtausendwechsel hin – auch mit Hilfe einer bewusst tief gehaltenen Pro-duktionsmenge – als erster kalifornischer Cru die 1000-Dollar-Grenze. Diese Entwicklung veränderte das Image der Napa-Valley-Weine nachhaltig. Obwohl gleichzeitig auch die Bordeaux-Weine an Frucht, Fett und Alkohol zulegten, wurden die Napa-Topcrus nun häufiger im gleichen Atemzug mit den neuen Spaniern aus dem Ribera del Duero oder dem Priorat, oder gar mit manchen Australiern genannt.

«Back to the roots» mit Parkers Segen

Heute stehen im Napa Valley die Zeichen wieder auf «Back to the roots!» Dies zeigt sich etwa an der fast schon inständigen Verehrung für die legendären Inglenook-Beaulieu-Weine aus den 40er- und 50er-Jahren, die fast jeder Topwinzer als seine Vorbilder nennt. Zudem setzt eine neue, vierte Generation von aufstrebenden Napa-Weingütern höchst interessante Akzente. Weingutsbesitzer wie John Kongsgaard, Lou und Louis Kapcsandy oder Leslie Rudd vereinen in ihren Weinen reife Fruchtfülle mit präsentem, feinkörnigem Gerbstoff und einer erfrischenden Säure. Und sie gehen diesen Weg mit Parkers Segen. Vielleicht ist es das zunehmende Alter, das Parker für gut strukturierte, nicht zu üppige, und dadurch bekömmlichere Weine empfänglicher macht. Jedenfalls ist es ein klares Zeichen, dass er den «Grand Vin» der Familie Kapcsandy, der stilistisch die besten Bordeaux-Tugenden verkörpert, gleich zweimal in Folge (für die Jahrgänge 2007 und 2008) mit 100 Punkten bewertet hat. «Ein paar Jahre lang fühlte man sich schon beinahe als Aussenseiter, wenn man nicht im 30-Brix-Club mitgespielt hat. Doch inzwischen hat unser 25-Brix-Club mächtig Auftrieb», sagt John Kongsgaard. Zur Info: Ein Reifegrad von 30 Brix ergibt Weine von annähernd 16 Volumenprozent Alkohol, 25 Brix entspricht dagegen einem Alkoholwert von rund 14 Volumenprozent.

Die Crus sind auf dem Vormarsch

Fast alle Topweine im Napa Valley sind heute Einzellagen-Abfüllungen. Ob dabei die legendären Lagen im Talboden mit Namen wie «Inglenook», «To Kalon», «Eisele» oder «Dr. Crane» die besten Cabernets ergeben oder aber die neu erschlossenen Höhenlagen an den beiden Bergflanken «Mayacamas» und «Vaca», die das Napa Valley westlich und östlich begrenzen, kann gemäss heutigem Wissensstand noch nicht abschliessend beurteilt werden. Die über Nacht einströmende, ausgesprochen kühle Pazifikluft spielt im Tal ebenso undurchsichtige Spielchen, wie es die Vulkane  in der Urzeit taten. Mit gewaltigen Eruptionen sorgten sie dafür, dass die Böden heute alle paar Meter eine andere Zusammensetzung aufweisen, mit Ausnahme der Talmittte, wo im Einzugsgebiet des Napa River entweder Flusskiesel oder Lehm vorherrschen. So gleicht das Napa Valley in Bezug auf das Terroir einem enorm komplizierten Puzzle, das wohl nie restlos gelöst werden kann. Und doch haben die Winzer in den letzten 100 Jahren eine Reihe von überaus wertvollen Puzzleteilchen entdeckt. Diese vielleicht 50 Premier-Crus verteilen sich scheinbar planlos über das ganze Tal, das Spektrum reicht vom rund 60 Hektar umfassenden To Kalon Vineyard in Oakville, keine 100 Meter über Meer gelegen, bis zum zwei Hektar grossen Kongsgaard Vineyard, der sich am Atlas Peak, rund 800 Meter über Meer befindet. Wie nie zuvor haben wir heute die Möglichkeit, alle diese Facetten des Napa Valleys im Glas zu entdecken und zu geniessen.

«Adagio expressivo» für den Gaumen

Die abenteuerlich kurvige Strasse zu seiner Weinfarm oben am Atlas Peak meistern wir Schweizer «easy». Aus der in den Berg gebauten Kellerei flutet die 9. Sinfonie von Gustav
Mahler durch Baumkronen und Reben. «Ich wünschte mir immer einen Beruf, wo ich den ganzen Tag klassische Musik hören kann», lacht der grossgewachsene John Kongsgaard. Spätestens beim Degustieren seiner Weine, allen voran seines Cabernet Sauvignons, wird sich zeigen, dass die Sensibilität, die er den Werken von Mahler und Beethoven entgegenbringt, auch in seinen Weinen zu finden ist. Vielleicht sind die Anforderungen zum Komponieren von grosser Musik und grossen Weinen gar nicht so unterschiedlich. Der Sohn eines Richters aus Napa begann 1983 für Newton Vineyard zu arbeiten und war damals der erste kalifornische Schüler des Bordeaux-Önologen Michel Rolland. Der legendäre «Chardonnay unfiltered» von Newton stammte übrigens zu jener Zeit aus dem zwei Hektaren grossen Weinberg «The Judge», den die Familie Kongsgaard in einem der kühlsten Winkel von Napa auf rotem Vulkanboden angelegt hatte. 1996 entschied John Kongsgaard, sich künftig seinem eigenen Wein-Projekt zu widmen. 2004 kaufte er Land am Atlas Peak und legte hier, 800 Meter über Meer, den vielleicht höchstgelegenen Rebberg im Napa Valley an. 2006 wurde die Kellerei fertig und 2010 schliesslich das Wohnhaus. Sein Chardonnay «The Judge» ist mit seiner nussigen Reife, den salzigen und mineralischen Noten sowie seiner Komplexität und Cremigkeit im Gaumen ohne Zweifel einer der besten Weissweine, die man in Kalifornien finden kann. Das Gleiche gilt für seinen Cabernet Sauvignon. Von 2005 bis 2008 kam die Frucht für diesen Wein von der «Madrona Ranch» und dem «Cappella Vineyard», die beide dem Rebbergs-Guru und Spitzenwinzer David Abreu gehören und in der Talebene bei St. Helena liegen. Es sind klassische Napa-Cabernets, die neben Aromen von roten und blauen Beeren auch frische Noten von Anis, Pfeffer, Leder und Lakritze zeigen. Vor allem aber sind es Weine, bei denen Fruchtfülle, Gerbstoff und Säure in perfekter Balance stehen. Seinen 2009er-Cabernet hat John Kongsgaard nun erstmals aus Trauben vom Atlas Peak gekeltert. Bei identischer Vinifikation drängt sich die Frage auf, wie sich diese zwei grundverschiedenen Terroirs auf den Wein auswirken, auch wenn der 2009er natürlich noch zu jung ist, um ihn abschliessend zu beurteilen. Trotzdem scheint es, dass sich der «Atlas Peak Cab» eine Spur kräftiger zeigt, während die Aromatik eher zu roten Kirschen und Noten wie Veilchen, Grafit, Sandelholz und Schokolade tendiert. So beweist uns John Kongsgaard, dass das Terroir im Napa Valley nicht nur ein abendfüllendes Gesprächsthema oder -– wie manche meinen – ein Phantom ist, sondern die Wahrheit im Glas.

10 Fragen an John Kongsgaard

Welches Buch hat Sie besonders beeindruckt?
Der «Zauberberg» von Thomas Mann im meiner Zeit als Literaturstudent, heute die Gedichte von Alfred Brendel, denn der weltbekannte Pianist ist auch ein begnadeter Essayist und Poet.

Wofür geben Sie gerne unvernünftig viel Geld aus?
Operns-Tickets, beispielsweise in Berlin.

Wenn Sie nicht Winzer wären, dann …
… am liebsten Professor für Literatur.

Welcher Wein hat Sie am meisten beeinflusst?
Der 1947er Château Cheval Blanc. Ich hatte das Glück, diesen Wein fünfmal geniessen zu dürfen.

Ihre Lieblingsstadt?
Wien, die Stadt von Schubert, Mahler und Beethoven.

Welches Erbstück hat für Sie eine besondere Bedeutung?
Eine Axt, mehrere hundert Jahre alt, die noch von der Kongsgaard-Farm in Norwegen stammt, wo meine Familie ursprüng-lich heimisch war. Die Axt half ihnen, in Amerika eine neue Existenz aufzubauen.

Welches Vorhaben möchten Sie unbedingt verwirklichen?
Unser Weingut am Atlas Peak zu einem selbstversorgenden Hof auszubauen, mit Schafen, Olivenbäumen, Kräutern und Ge-müse.

Auf welches Produkt aus dem Supermarkt möchten Sie nicht verzichten?
Scotch Whiskey.

Welche CD hören Sie gerade beim Autofahren?
Die Sinfonie Nr. 9 von Gustav Mahler, eine Aufnahme der Berliner Philharmoniker, dirigiert von Leonard Bernstein.

Was empfehlen Sie für ein Gericht zu einem Ihrer Weine?
Zu Entenbrust vom Grill unseren Carneros Syrah

Produkte von Kongsgaard Wine im Shop ansehen.

Gestaltung: velvet creative office | Umsetzung TYPO3: mexan GmbH - Internet Agentur

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