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Frankreich Rhône Nord


Pierre und Jean ehren den Saint-Joseph.

Hinter dem Haus liegt schon das Futter für Samson bereit. Das fünfjährige Pferd der Gebrüder Gonon zieht gerade den Pflug durch ihre steilen Rebberge im Herzen der Appellation Saint-Joseph. Dass das Pferd wieder den Traktor ersetzt, hat nichts mit Nostalgie oder Romantik zu tun. Die Vierbeiner kommen in den dicht bepflanzten Parzellen einfach besser zurecht und komprimieren zudem den Boden weit weniger als ein Traktor. «Das Rebbergspferd unserer Nachbarn starb kürzlich im Alter von 27 Jahren», erzählt der 42-jährige Pierre Gonon, der heute zusammen mit seinem 46-jährigen Bruder Jean die Domaine führt. Mit anderen Worten: So ein vierbeiniger Rebbergsarbeiter leistet durchaus ähnlich lange Dienst wie ein Traktor. Und im Gegensatz zum Vierreifer scheisst der Vierbeiner beim Arbeiten noch tüchtig und führt so dem Rebbergsboden wertvollen Dünger zu. Tja, Gott hat das Pferd für die Arbeit in der Landwirtschaft geschaffen und nicht für die Kavallerie.

Die Gebrüder Gonon sind qualitätsversessene Traditionalisten im besten Sinne des Wortes. Von Trends und Moden wie dem Einsatz von viel Neuholz oder Mikrooxigenation halten sie nichts. 70 Prozent ihrer Trauben werden mit den Stielen in klassischen Holzstanden vergoren, die übrigen 30 Prozent kommen entrappt dazu. In den ersten 24 Stunden bleiben dabei die Trauben unangetastet, ähnlich wie bei der «Macération Carbonique». Erst dann werden die Beeren durch Fusstreten aufgequetscht und es beginnt eine klassische, rund zwei bis drei Wochen dauernde Maischengärung mit regelmässiger Pigeage, bei welcher der Tresterhut mittels Holzstöpseln wieder in den gärenden Saft gestossen wird. Ausgebaut werden alle ihre Weine in 600-Liter-Eichenholzfässern, die aber mindestens schon dreimal belegt worden sein müssen, bevor sie im Keller der Gonons ihren Dienst aufnehmen dürfen. Im Rebberg arbeiten sie seit 2004 kontrolliert biologisch. In den alten Parzellen werden die Stöcke nach alteingesessener Manier einzeln an Holzstickeln erzogen.

Mit der Kraft des Granits

Schon der Urgrossvater der Gonon-Brüder produzierte Wein, verkaufte ihn aber fassweise an die Bistros in der Umgebung. 1964 füllten sie erstmals selber Wein in Flaschen ab. Heute bewirtschaften die Gonons rund zehn Hektar Reben, davon neun Hektar in der Appellation Saint-Joseph. 80 Prozent dieser Fläche ist mit Syrah bepflanzt, 20 Prozent mit den weissen Gewächsen Roussanne und Marsanne. Die AOC Saint-Joseph ist leider der beste Beweis dafür, dass die Geschichte der kontrollierten Herkunftsbezeichnungen in Frankreich nicht ganz so ruhmreich verlaufen ist, wie sie gerne dargestellt wird. Denn als die AOC Saint-Joseph im Jahr 1956 geschaffen wurde, umfasste sie nur gerade sechs Gemeinden zwischen Glun im Süden und Vion. In diesem 12 Kilometer langen Abschnitt am westlichen Rhôneufer mit vergleichsweise steilen Abhängen zum Fluss finden wir den gleichen Granitboden wie in der legendären AOC Hermitage. Doch dann, im Jahr 1969 kam jener verhängnisvolle Tag, an dem eine Versammlung – es heisst, das Treffen habe während der Jagdzeit stattgefunden, so dass nur ein paar wenige Winzer erschienen seien – beschloss, die AOC Saint-Joseph auf nicht weniger als 26 Dörfer auszudehnen, die sich über 50 Kilometer entlang der Rhône erstrecken. Besonders gravierend: Viele der neu eingezonten Flächen befinden sich nicht mehr an den Abhängen zum Fluss, sondern auf den höher gelegenen, kühleren Plateaus, wo leichtere Weine entstehen, die mehr Ähnlichkeiten mit einem süffig-einfachen Côtes-du-Rhône aufweisen, als mit einem komplexeren Cru der nördlichen Rhône.

Ehrlich, komplex, saftig

Die Rebberge von Pierre und Jean Gonon liegen alle im ursprünglichen Herzstück von Saint-Joseph und zwar in vier verschiedenen Lagen mit klassischen Granitböden, allerdings in unterschiedlicher Zusammensetzung (siehe Box). Was für grossartige Weine hier durch eine strenge Selektion entstehen können, beweist ein 600-Liter-Fass, in dem ein Syrah des Jahrgangs 2010 von über 100-jährigen Reben aus der Lage St-Jean reift. Mit seiner frischen, eher rotbeerigen Frucht, perfekt unterlegt mit Kräuter- und Peffernoten, zeigt sich dieser Cru im Gaumen ungemein elegant, dicht strukturiert, mit kernig-kächem Tannin und saftiger Säure. Ein Syrah wie aus dem Bilderbuch. Diese heute leider nur noch selten zu findende Symbiose von Frische, Eleganz und Kraft verkörpert auch der Hauptwein der Gonons, der «vermeintlich einfache» Saint-Joseph, eine Cuvée der verschiedenen Lagen. Die Weine der Familie Gonon zeigen eindeutig mehr Verwandtschaft mit einem eleganten Hermitage, als mit dem leichtfüssigen Charakter, der dem Saint-Joseph gemeinhin zugeschrieben wird. In den Zeiten der fortschreitenden Klimaerwärmung erweist sich die Lage am etwas kühleren Westhang der Rhône (gegenüber von Hermitage) zunehmend als Vorteil. Denn mit 13 Volumenprozent Alkohol zeigen die Gonon-Weine alles, was man von einem charaktervollen, aber doch viel Trinkgenuss bereitenden Syrah erwarten darf. Diese edle Stilistik kennzeichnet auch ihre weisse Assemblage mit vielschichtiger Aromatik nach reifen Birnen, Aprikosen, Rauch und einer Spur Waldhonig. Mit ihrem zurückhaltenden Auftreten und einer Weinbau-Philosophie, die sich ganz und gar auf das Wesentliche konzentriert, verkörpern die Gebrüder Gonon die ursprünglichen Werte der nördlichen Rhône. Was wollen wir mehr, wo mehr doch auf jeden Fall schon zu viel wäre.

Vier Lagen, vier Terroirs

Die Syrah-Trauben der Familie Gonon reifen in folgenden vier Lagen der alten Kernzone von Saint-Joseph:

  • St-Jean
    Die durchschnittlich über fünfzigjährigen Syrah-Stöcke wurzeln in einem eher brüchigen, verwitterten Granit.
  • La Croix de Peygros
    Oben am Hang bei Tournon gelegen. Die 20-jährigen Stöcke wurzeln ebenfalls im schon brüchigen «Granit pourri».
  • La Montchaude
    Am Fusse des Hanges bei Tournon gelegen, herrscht hier lehmhaltiger Granit vor. Die Stöcke sind ebenfalls durchschnittlich 20 Jahre alt.
  • Coteau des Oliviers
    Legendäre Einzellage in Tournon. Vor der Schaffung der AOC Saint-Joseph wurden die Weine dieser Lage als «Vin des Oliviers» verkauft. Hier wachsen die Reben in kieselsteindurchsetzten Böden auf einer Granitunterlage.

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