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Wenn kurz nach der Autobahnausfahrt bei Alba wie immer die Nutten in ihren Miniröcken auf Klappstühlen an der alten Landstrasse sitzend auf Freier warten und die Luft diesen eigenartigen Touch nach Rauch und Rost bekommt, dann hüpft das Herz vor Freude, weil uns diese Wahrnehmungen zweifelsfrei signalisieren, dass wir nun gleich in die heiligen Hügel des Nebbiolo eintauchen. 80 von 91 Journalisten, die über das Piemont schreiben, zitieren die abgedroschene Legende, wonach der Barolo das maskuline Element, der Barbaresco hingegen das feminine Prinzip der hier herrschenden Nebbiolo-Traube verkörpere. Dabei ist es doch so, dass jeder grosse Barbaresco sowohl feminine als auch maskuline Eigenschaften aufweist. Er gleicht – so gesehen – einem jener faszinierend entrückten, androgynen Wesen, wie sie in der Filmwelt so legendäre Schauspielerinnen wie Greta Garbo oder Lauren Bacall verkörperten. Wurden die Trauben aber zu reif gelesen, zu stark mazeriert und mit zu viel neuem Holz malträtiert, verkommt der Barbaresco leider nur allzu rasch zu einer billig geschminkten Tunte …
Angelo Gaja war – lange ists her – der Erste, der von der Qualität seiner Barbareschi so überzeugt war, dass er entgegen der Tradition seinen Namen gross und die Bezeichnung Barbaresco nur noch klein auf dem Etikett abdruckte. Nun, jeder, der die so sorgfältig herausgearbeiteten Barbareschi des 42-jährigen Renato Vacca degustiert, würde ihm nahelegen, seinen Namen ähnlich prominent auf die Flaschen zu setzen. Doch der zum Understatement neigende Winzer überlässt die Bühne nach althergebrachter Manier ganz dem Barbaresco. «Die Individualität meiner Weine kommt ja schliesslich vom Terroir und nicht von mir», sagt er. Die Cantina del Pino, seit nunmehr vier Generationen von seiner Familie geführt, befindet sich auf der Kuppe des Ovello-Hügels, der vom berühmten Städtchen Barbaresco nur durch ein winziges Tälchen getrennt wird, in dem der Friedhof von Barbaresco liegt. Der Blick auf die Grabsteine so mancher Winzer erinnert Renato immer wieder daran, dass die Schaffensperiode eines Winzers hier stets nur ein Glied in einer langen Kette ist, die sich über Jahrhunderte hinzieht.
Die Geschichte der Cantina del Pino ist engstens mit der Geschichte des Barbarescos verknüpft. Vor 130 Jahren gehörte das Anwesen dem Weinbaupionier Domizio Cavazza, der zu der Zeit aus der Emilia-Romagna hierher kam, um den Winzern zu zeigen, dass die damals einsetzenden Mehltau-Erkrankungen nicht das Ende des Weinbaus bedeuten müsse. Er gehörte 1886 zu den Mitbegründern der Cantine Sociale di Barbaresco. Nach der Geburt seines ersten Sohnes pflanzte er neben dem Haus jene Pinie, nach der heute diese Cantina benannt ist. 70 Jahre später wurden die visionären Ideen von Domizio Cavazza wieder aufgenommen, als im Jahre 1958 die legendären Produttori del Barbaresco gegründet wurden, an der Renato Vaccas Vater und zwei seiner Onkel mitbeteiligt waren. Auch Renato selber arbeitete nach seinem Önologie-Studium während sieben Jahren, von 1988 bis 1995 für diese Kooperative, der es immer wieder gelingt, verblüffend hochklassige Barbareschi in die Flaschen zu bringen. Doch natürlich hatte er den gleichen Traum wie alle ehrgeizigen jungen Weinmacher mit eigenem Rebland in der Familie: Die Gründung einer eigenen Domäne. 1997 war es so weit. Nach dem Bau eines Kellers unterhalb des Wohnhauses erhielt mit der Cantina del Pino der Ort Barbaresco ein neues Topweingut. Heute bewirtschaftet er 6,8 Hektar Reben, und obwohl er auch Dolcetto d’Alba, Barbera d’Alba, Langhe Nebbiolo und Langhe Freisa produziert, basiert der Ruhm seiner Cantina del Pino doch ganz klar auf seinen vorzüglichen Barbareschi.
Wer die Barbareschi von Renato Vacca degustiert, muss sich zwangsläufig die Frage stellen, welche der zwei grundsätzlichen Barbaresco-Philosophien die grösseren Weine hervorbringt: die traditionelle Idee, wonach der beste Barbaresco eines Gutes stets als Assemblage von Trauben aus verschiedenen Toplagen entsteht, oder aber die seit den 60er-Jahren praktizierte Idee der Einzellagen-Selektion. Tatsächlich ist Vaccas Basis-Barbaresco ein bewundernswert tiefgründiger und vielschichtiger Wein mit Aromen von dunklen Früchten, Lakritze und Rauch, dazu schokowürzigen und balsamischen Noten. Schon in diesem Wein, der in jeder Beziehung das Prädikat «State of the art» verdient, finden wir mit wunderbarer Klarheit die Handschrift dieses Winzers, der die Gratwanderung zwischen präsentem Gerbstoff und prononcierter Säure auf der einen Seite sowie fülliger Frucht und gut stützender Eichenholzwürze auf der anderen Seite so perfekt beherrscht wie nur wenige im Piemont. Seine beiden Crus sind – musikalisch gesprochen – Variationen dieses Grundthemas. Dabei besticht der Barbaresco Ovello, der am gleichnamigen Hügel in der Lage Loreto auf sandigen Kalkböden unter dem kühlenden Einfluss des nur wenige hundert Meter entfernt vorüberfliessenden Tanaro reift, mit seiner mineralisch wirkenden, geradlinig-frischen Art durchaus mit Eleganz. Der Barbaresco Albesani dagegen, der östlich von Neive in einer etwas wärmeren Lage auf rotem Lehm wächst, zeigt etwas intensivere, dunkelbeerige Noten und eine Kraft im Gaumen, die schon an einen Barolo erinnern.
Alle drei Barbareschi werden mit einem Anteil von 20 Prozent der Rappen vinifiziert. Die Maischenstandzeit beträgt rund vier Wochen. Während der ersten 18 Tage wird der Tresterhut durch Überpumpen des Saftes (Remontage) benetzt, danach kommt ein Eichenholzgitter zum Einsatz, das den Tresterhut regelmässig tief in den Saft drückt (dieses Verfahren wird «Cappello sommerso» genannt). Nach dem Abpressen in der traditionellen Korbpresse reifen die Weine zuerst ein Jahr in 225-Liter-Barriques mit einem Neuholzanteil von 20 Prozent, danach ein weiteres Jahr in grösseren, 2000 Liter fassenden Eichenfässern. Übrigens: Wenn Renato den Erziehungsprozess seiner Barbareschi schildert, klingt das so selbstverständlich, als seis ein Kinderspiel.
Nach der Flaschenabfüllung ruhen seine Barbareschi nochmals zwei Jahre in der Flasche. Dann kann Renato Vacca seine immer noch jugendlich-ungestümen Barbareschi-Kinder nicht mehr länger vor dem Zugriff seiner Fans bewahren. Die Flaschen werden ihm sprichwörtlich aus den Händen gerissen, aber das ist nun mal das Schicksal eines Winzers, dessen Weine vom guten Röbi aus Amerika regelmässig mit 95 und mehr Punkten bewertet werden.