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Wenn einer Gross heisst, sollte er es wenn möglich vermeiden, kleine Weine zu keltern. Alois Gross und seine Söhne Michael und Johannes wissen das. Und sie haben glücklicherweise keine Probleme, ihre namensbedingte Vorgabe zu erfüllen. Hinter der beeindruckenden Qualität der Gross-Weine steckt kein Geheimnis. Es ist das Resultat von viel Arbeit (an der sich die ganze Familie beteiligt), erstklassigen Lagen und einer ganz klaren Betriebs-Philosophie. Abgesehen von etwas Zweigelt für den lokalen Markt, produziert das Gut nur Weissweine. Mit zwei Sorten gelingen besonders herausragende Gewächse, nämlich dem Gelben Muskateller und vor allem dem Sauvignon Blanc.
Wir können heute beim Sauvignon Blanc drei Stilrichtungen unterscheiden. Der puritistische Loire-Stil steht für frische Säure und eine Geradlinigkeit, die zuweilen noch heute die Schmerzgrenze streift. Das Aromenspektrum reicht von Spargeln und Gras bis zu Stachelbeeren und dem ominösen «Pipi du Chat». Ab Mitte der 90er Jahre etablierte sich unter Führung des Gutes Cloudy Bay in Marlborough (Neuseeland) ein vollkommen neuer Sauvignon-Blanc-Stil mit knalliger, zuweilen kitschig-expressiver Frucht und einem überaus mehrheitsfähigen «Sweet & Sour»-Spiel im Gaumen, das zuweilen an einen unvergorenen Fruchtsaft erinnert. Wer in Bezug auf den Sauvignon das traditionelle Sancerre mit der Neuen Welt vergleicht, kann sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass die einen Weine etwas zu wenig haben, die anderen aber definitiv etwas zu viel. Eine dritte Dimension zeigt die Sorte glücklicherweise zunehmend in der Südsteiermark nahe der Grenze zu Slowenien. Vor allem die Gewächse, die von den Mitgliedern der «Steirischen Terroir- und Klassikweingüter» (STK) unter dem Prädikat «Grosse Lage» auf den Markt kommen, zeigen nebst einer saftigen Säure jene Vielschichtigkeit und jenen Schmelz, der grosse Weissweine auszeichnet.
Das Paradebeispiel eines grossen Südsteirischen Sauvignon Blanc ist der Ratscher Nussberg Grosse STK Lage 2007 vom Weingut Gross. Wir erleben hier eine vollkommen gelungene Gratwanderung zwischen Komplexität und Klarheit, Fülle und Frische, Würzigkeit und Mineralität. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein «Gross»-er Wein, dessen Spektrum weit über die Sortentypizität des Sauvignon Blanc hinausreicht. Mit seiner reifen, saftigen Säure und seinem Schmelz erinnert dieser Cru irgendwie an die besten Selektionen des unvergessenen Didier Dagueneau. Über die Jahre hat Alois Gross in permanenter Feinabstimmung eine massgeschneiderte Vinifikation für seine Topcrus entwickelt. Der 2007er Ratscher Nussberg Sauvignon wurde spontan mit Naturhefen in neuen 600-Liter-Eichenholzfässern vergoren und nach acht Wochen in ein grösseres 2500-Liter-Holzfass umgezogen. Nach total 12 Wochen im Holz reifte der Wein dann im Stahltank weiter. Auf den Markt kam der Topcru erst nach dreijähriger Reife.
Mit solchen Weinen avanciert der südsteirische Sauvignon Blanc zu den gehaltvollsten und eigenständigsten Gewächsen, die diese Sorte heute weltweit hervorbringt. Und zusammen mit dem Grünen Veltliner aus der Wachau gehören sie auch zum Aufsehenerregendsten, was Österreich im High-End-Bereich zu bieten hat. Ebenso erstaunlich ist aber, was die Familie Gross aus dem Gelben Muskateller herausholt. Mit seiner extravertierten Aromatik mit Noten von Orangenblüten, Nelken und Moschus irritiert diese Duftsorte viele Weinfreaks. Tatsächlich können die Weine im Gaumen mit ihrer etwas eindimensionalen Art und der Tendenz zu Bitternoten im Abgang oft nicht das bestätigen, was sie in der Nase versprechen. Wer sich von diesem Vorurteil heilen lassen möchte, muss den Gelben Muskateller kennenlernen, den die Familie Gross in der Linie «Steirische Klassik» produziert. Es ist einer der wenigen wirklich «trinkigen» Muskateller, der im Gaumen mit seiner Geradlinigkeit und Frische gar noch mehr begeistert als in der Nase. Dieses Kunststück wiederholt die Familie Gross mit ihrem selektionierten Gelben Muskateller Perz (Erste STK Lage) des Jahrgangs 2008. Dieser Cru vereint Sortencharakter und die komplexe Individualität eines Lagenweins in fast vollendeter Weise. Und obwohl in jeder Beziehung gehaltvoll, behält dieser Muskateller mit dem moderaten Alkoholgehalt von 12,5 Prozent seine Frische und Bekömmlichkeit.
Müsste man den einen und einzigen Wein für die viel zitierte einsame Insel auswählen, die ja gemeinhin in den warmen Gefilden des Äquators vermutet wird, wäre man mit einem Sauvignon Blanc oder einem Gelben Muskateller von Gross bestimmt bestens bedient. Am besten nähme man gleich beide mit …