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Italien Toskana


Vom Kaffeeguru zum Spitzenwinzer.

Wann immer er etwas anpackt, investiert er 120 Prozent seiner Energie. Nur so konnte er es schaffen, uns Milchschweizern italienische Espresso-Kultur beizubringen. Heute pendelt der 57-jährige Francesco Illy zwischen seinem Weingut in Montalcino, dem Schmelztiegel Mailand und dem Bergdorf Maloja, wo er regelmässig den Kopf lüftet. Um den Kaffeeguru, Winzer, Fotograf, Künstler, Genussaktivisten und Selfmademan ganzheitlich zu erfassen, müsste man wohl ein dickes Buch schreiben. Über den Wein funktioniert die Sache zum Glück einfacher. Auch bei Illys Weinen liegt die Wahrheit im Glas. Und die kann sich sehen lassen. Nicht der Kaffee. Nicht der Wein. Das Skateboard lockte Ende der 70er Jahre den damals 25-jährigen Francesco Illy in die Schweiz. Das Rollbrett war in jener Zeit das ultimative Accessoire der Jugendszene. Und Francesco, aus der dritten Generation der angesehenen Kaffeeröster-Dynastie in Triest, wollte junge Schweizer auf von ihm gefertigte Rollbretter bringen. Das klappte zwar nicht so wie geplant, dafür lernte er in Basel seine spätere Frau kennen. Und blieb. Ein italienischer Kaffee-Freak in Helvetien? Das scheint so paradox wie ein Tiefseetaucher auf dem Himalaja. Denn die Schweiz war zu jener Zeit das Land der Milchkaffee-Tanten und «Brotbrocken-Tunker». Ein kaffeekulturelles Entwicklungsland. Zum Glück hat sich seither einiges getan. Francesco Illy ist Schweizer geworden. Und die Schweizer trinken bald so viel Espresso wie die Italiener. Auch, weil Wirbelwind Illy seit 30 Jahren mit einem Feuerwerk an Ideen den Espresso als Gesamtkunstwerk zelebriert. Er erklärte uns unermüdlich die Vorzüge der hochwertigen Sorte Arabica, die vorzugsweise in Höhenlagen in Tropenländern wächst. Er pries uns den perfekten Espresso als «organoleptischen Orgasmus». Er legte zusammen mit seinem Bruder Riccardo den Bildband «Kaffee – von der Bohne zum Espresso» vor, bis heute das Standardwerk aller Kaffeefreaks. Er lancierte die kultige und höchst erfolgreiche «X1»-Kaffeemaschine im Retro-Look (unter der Marke «Francis Francis») und Designer-Tassen, gestaltet von Künstlern wie dem amerikanischen Maler Robert Rauschenberg oder dem spanischen Film-Regisseur Pedro Almodóvar. Francesco hatte und hat womöglich mehr Kaffee-Ideen im kleinen Finger als die anderen Illys im gemütlichen Triest zusammen. Während er jahrzehntelang als Kaffeeguru durch die Welt hetzte, kümmerten sich seine Geschwister zu Hause ums operative Geschäft. 1997 kaufte er Le Ripi, weil er in der Toskana winzern wollte. Einzig seine Funktion als Vizepräsident der Illy Spa behielt er bei und bleibt damit Partner von Illy. Der Mann, der ein feines Händchen für den Fotoapparat hat und etliche Illy-Kampagnen sowie zwei Bildbände selber fotografierte, setzte sich in Montalcino höchstpersönlich auf den Caterpillar, um mit der Planierraupe das Terrain zum Anlegen neuer Rebparzellen neben den schon bestehenden vorzubereiten. 2003 brachte er den ersten Brunello auf den Markt.

Das «Bonsai»-Prinzip

«Es ist das schönste Abenteuer meines Lebens», sagt er über sein heutiges Winzerdasein. Bei Illy in Triest musste er seine Kreativität nicht selten dem Familien-Konsens unterordnen. «In meiner ‹Podere Le Ripi› kann ich all die verrückten Dinge ausleben, die ich in meinem Kopf hin- und herwälze», sagt er. Zum Beispiel sein «Bonsai»-Projekt. Illy hatte sich schon immer darüber geärgert, dass der blosse Ertrag pro Hektar immer wieder als Gradmesser für die Qualität eines Weingutes genommen wird. Denn der Ertrag allein sage eigentlich wenig aus. Entscheidend sei, wie viele Rebstöcke diesen Ertrag erwirtschaften. «Wenn 5000 Rebstöcke pro Hektar rund 5000 Liter Wein ergeben, so ist die Qualität bestimmt nicht so gut, wie wenn die gleiche Menge Wein pro Hektar von 10 000 Rebstöcken produziert wird», lautet Illys Schlussfolgerung. Darum unterteilte er einen Versuchsrebberg in jeweils 16 Quadratmeter grosse Pflanzquadrate und bestockte diese Mini-Parzellen so dicht es nur ging, nämlich mit 121 Rebstöcken. Der Wein aus diesem «Bonsai»-Rebberg wird seit 2007 separat ausgebaut. Und Illy weiss jetzt schon: «Dieser Cru wird mir noch viel Freude bereiten.» Auf seinen Fahrten von der Schweiz nach Italien stoppt er gegenwärtig oft in Bozen. Denn dort, bei der Küferei Mittelberger, werden für ihn neue, 3500 Liter fassende Gärstanden aus Eichenholz angefertigt. «Die Gärung in Holzstanden mit regelmässiger Pigage, dem Runterdrücken des Tresterhutes mittels einer Holzstange, ist das Beste für unseren Sangiovese», sagt Illy. Neben Barriques und Gärstanden aus Eichenholz hat er aber auch Behältnisse aus Inox, Beton und Terracotta im Keller stehen. Obwohl er mit Maurizio Castelli einen der bekanntesten italienischen «Flying Winemakers» unter Vertrag genommen hat, beschäftigt er sich in seiner «Podere Le Ripi» mit jedem Detail. Er ist keiner der Gutsherren, die nur zahlen und sich ansonsten wie Fremde auf ihren Gütern bewegen. Der Kaffeeguru Francesco Illy ist tatsächlich mit Haut, Haaren und viel Herz zum Winzer geworden.

Orgasmus Nr. 2

Der Brunello di Montalcino gilt als König unter den Sangiovese-Weinen. Doch auch in den Rebbergen rund um die pittoreske Hügelstadt ist die Zeit nicht stehen geblieben. Der Anbau von internationalen Sorten wie Merlot, Cabernet und Syrah sowie der Ausbau in Barriques anstelle der traditionellen grossen Holzfässer hat die Stilistik der Weine verändert. Was die einen als Qualitätsverbesserung preisen, ist für andere ein bedauerlicher Verlust an Individualität. Francesco Illy bewegt sich mitten in diesem Spannungsfeld. Sein Weingut «Podere Le Ripi» liegt 15 Autominuten südöstlich von Montalcino, dort wo der Asso in den Orcia fliesst. In mittelhohen Hügel-Lagen, rund 250 Meter über Meer gelegen, auf steinigen Böden, geprägt vom nahen Urvulkan Monte Amiata, hat er rund 14 Hektar mit Reben bepflanzt. Neben dem dominierenden Sangiovese wachsen auch Syrah und Merlot. Illy keltert zwei Weine, zum einen den «Lupi e Sirene», einen klassischen Brunello di Montalcino, sowie den «Canna Torta». Diese Cuvée aus rund 60 Prozent Sangiovese, ergänzt mit Syrah und Merlot kommt unter der Ursprungsbezeichnung «IGT Toskana» auf den Markt. Die Erträge sind mit rund 2500 Kilo pro Hektar ausgesprochen gering. Sowohl bei der Vergärung als auch beim Ausbau werden jeweils mindestens 50 Prozent neues französisches Eichenholz eingesetzt. Dieser Beschreibung zufolge wären modern konzipierte, vollfruchtige Weine zu erwarten. Doch beide Illy-Gewächse sind so subtil und komplex gebaut, dass sie sich jedem Pauschalurteil entziehen. Die Aromenpalette reicht von Waldbeeren über Kräuter, Leder, Waldboden bis zu würzigen und balsamischen Noten. Das Eichenholz ist spürbar, aber perfekt eingebunden. Zudem sind beide Weine trotz ihrer Fülle enorm elegant und vielschichtig strukturiert. Mit ihrer beschwingten, von der Sangiovese-Traube eingebrachten Säure zeigen sie fast schon eine burgundische Dimension und wirken ausgesprochen «trinkig». Beide Crus gehören mithin zum Besten, was in Montalcino heute hervorgebracht wird. Und dies, obwohl die Reben noch keine zehn Jahre alt sind.

Die burgundische Dimension soll nach dem Willen von Francesco Illy in «Le Ripi» künftig noch stärker zum Ausdruck kommen. Obwohl Freund und Feind ihn vor dieser «bekloppten» Idee gewarnt haben, hat er unter einer bewaldeten Hügelkuppe in einer nach Norden ausgerichteten Lage rund einen Hektar mit Pinot Noir bepflanzt. Auch in Montalcino ist und bleibt Illy eben ein Quergeist. Und natürlich sucht er auch beim Wein nach dem besonderen Kick, jenem «organoleptischen Orgasmus», der ihm einst der Espresso verschafft und der ihn weltberühmt gemacht hat. Und obwohl er sich mit seinem Weinprojekt mehr als 500 Kilometer von seiner Familie und Illy Caffè in Triest entfernt hat, ist er hier – im Herzen der italienischen Halbinsel – wieder mit seinen Geschwistern zusammengetroffen. Vor kurzem hat Illy Caffè nämlich, nicht ganz ohne die Mithilfe von Francesco Illy, das bekannte Weingut Mastrojanni gekauft, das direkt an «Le Ripi» angrenzt. Er und seine Familie ziehen ihre Kreise eben letztlich doch so, dass sie sich immer mal wieder kreuzen …

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